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Geöffnete Türen

„Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben“. Dieses Zitat aus dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ des Schriftstellers Robert Musil (1) ist einer der Ausgangspunkte für neue Arbeiten der Künstlerin Theres Cassini. „Ein fester Rahmen“ für die Präsentation des Lebens und des Werks jenes in Klagenfurt geborenen Autors, das könnte die Definition für eine der Aufgaben des Robert-Musil-Literatur-Museums, das von der Landeshauptstadt Klagenfurtgeführt wird, sein. Die Ausstellungsbesucher sind bereits durch gut geöffnete Türen gekommen. Theres Cassini hat mit ihrer künstlerischen Arbeit, durch ihre Annäherung an Musils „Mann ohne Eigenschaften“ die Türen zu einem schriftstellerischen Werk, welches gemeinhin als schwer zugänglich gilt, weit aufgestoßen.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne die junge Germanistin Natalie Lamprecht zitieren, die zu diesem Thema folgendes notierte: Eine kurze Zusammenfassung „zu Robert Musils die deutschsprachige Literatur nachhaltig prägendem Buch Der Mann ohne Eigenschaften zu verfassen, scheint ein vonvornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen zu sein (...). Selbst findige GermanistInnen (...) kapitulieren vor dieser schier unlösbaren Aufgabe – was unter anderem daran liegen mag, dass a) das Werk mehr als 2000 Seiten umfasst, b) es langatmig und teilweise schwer zugänglich ist und, daraus resultierend, c) es weniger Leute gelesen haben, als die vielen Lobhudeleien über Der Mann ohne Eigenschaften suggerieren. Ganz recht: Das Werk ist wohl eines der meistungelesenen Werke, seit es den gedruckten Text gibt, und fristet trotz seines guten Rufes in vielen Bücherregalen ein tristes Dasein als Staubfänger.“ (2) Theres Cassini gebührt das Verdienst, mit ihrer Arbeit Musils Roman, der als ein Klassiker der Weltliteratur gelten kann, und „Diskurse über Logik und Gefühle, Wirklichkeiten und Möglichkeiten, über Kausalität und Analogie, über Wissenschaftsgläubigkeit und Kulturpessimismus“ (Cassini) enthält, mit ihrer Art der Annäherung gleichsam seiner „Schwere entkleidet“ zu haben.

Cassini zeigt sozusagen „Musil im Schwebezustand“ (3). Sie übersetzt Inhalte des Romans und Eigenschaften von Romanfiguren in so genannte „kinetische Plastiken“. Ein integraler ästhetischer Bestandteil dieser Art von Skulpturen, die alle speziell für die Präsentation im Musil Museum konzipiert worden sind, ist die Bewegung. Theres Cassini schenkt uns Leichtigkeit. Von der Plastik, die sich auf das Zitat mit den geöffneten Türen bezieht, war bereits die Rede. Sie ist in der so genannten „Literaturlounge“ des Musil Museums zu sehen.

In einer weiteren Arbeit, die zentral im Bereich der Ausstellung über Ingeborg Bachmann hängt und die den Titel „Wirklichkeiten“ trägt, beschäftigt sich Cassini mit dem Wirklichkeitssinn und natürlich vor allem auch mit dem zentralen Begriff bei Robert Musil, mit dem Möglichkeitssinn. Das entsprechende Zitat aus dem Roman “Der Mann ohne Eigenschaften” lautet folgendermaßen: „Da seine Ideen, soweit sie nicht müßige Hirngespinste bedeuten, nichts als noch nicht geborene Wirklichkeiten sind, hat natürlich auch er Wirklichkeitssinn; aber es ist ein Sinn für die mögliche Wirklichkeit...“ (4)

Cassini zerlegt dieses Zitat in seine einzelnen Worte und schreibt sie in 29 schwebende Objekte (Siebe) ein. Die Künstlerin stellt dem Publikum damit auch gleichsam Möglichkeitssinn zur Verfügung, weil die einzelnen Worte aus dem Satz und damit aus dem Sinnzusammenhang gelöst sind und von den Besucherinnen und Besuchern selber weitergedacht werden können. Sie können, ausgehend von Musils Satz sowie von Cassinis Installation ihre eigenen Hirngespinste weben.

Die dritte kinetische Plastik ist Musils Formulierung von der „Parole der Tat“ gewidmet. „Was in der äußeren Handlung des Romans als `Parole zur Tat ́ ausgegeben wird und als `großes Ereignis ́ heranschleicht“, heißt es dazu in einer Rezension aus den dreißiger Jahren, das deute „im Sommer 1914, mit dem der zweite Band endet, auf die nahende Weltkatastrophe“, auf den Ersten Weltkrieg (5).

In einem zweiten Teil ihrer Ausstellung nähert sich Theres Cassini zwei der Hauptfiguren von Musils Opus Magnum an. Was Ulrich, die zentrale Gestalt des Romans betrifft, so greift Cassini auf eine Aussage, die der Autor Robert Musil in einem Interview mit dem Kritiker Oskar Maurus Fontana getätigt hat, zurück: „Der junge Mensch [ gemeint ist Ulrich ] kommt darauf, daß er zufällig ist, daß er seine Wesentlichkeit erschauen, aber nicht erreichen kann. Der Mensch ist nicht komplett und kann es nicht sein. Gallertartig nimmt er alle Formen an, ohne das Gefühl der Zufälligkeit seiner Existenz zu verlieren.“ Theres Cassini lässt ihren „Ulrich“, der als Skulptur von ihr nicht weniger vielgestaltig geformt worden ist, über den Köpfen der Besucher schweben.

Bei der Annäherung an Ulrichs Geliebte Bonadea arbeitet die Künstlerin mit ganz anderen Mitteln. Cassini stellt eine Figur, die aus verschiedenen Möglichkeiten von Bonadea-Bestandteilen zusammengesetzt ist, auf eine Schriftrolle, die in den Raum ragt. Die Rolle weist mehrere Zitate auf, die sich auf diese „gute Göttin, Göttin der Keuschheit, deren Tempel durch Verkettung des Schicksals zum Schauplatz von Ausschweifungen geworden war“ (6), beziehen.

Wenn Sie wie Robert Musils Hauptfigur Ulrich die Möglichkeit haben, sich sozusagen „Urlaub vom Leben“ zu nehmen, so würde ich Ihnen empfehlen, diesen Urlaub damit zuzubringen, sich einerseits mit dem Werk des Schriftstellers Robert Musil und andererseits mit jenem der bildenden Künstlerin Theres Cassini zu beschäftigen!

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(1) Vgl. Robert MUSIL: Gesammelte Werke, Neun Bände, herausgegeben von Adolf Frisé, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1981 [ = Bd.1: Der Mann ohne Eigenschaften ], S. 16.

(2) Natalie LAMPRECHT: Mahler nach Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften im Test. In: BeyondPixels.at

Mahler nach Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften im Test

Die Website BeyondPixels.at widmet sich, laut der Definition ihrer Betreiber „schwerpunktmäßig den Themen Games, Movies/TV, Nippon Art und Mobile, blickt dabei aber auch gern über den Pixel-Tellerrand“.

(3) Iris WEDENIG: Musil im Schwebezustand. In: KLAGENFURT. Die Stadtzeitung mit amtlichen Nachrichten, Nr. 4 (12. März 2014), S. 36.

(4) Vgl. Robert MUSIL: Gesammelte Werke [ = Bd.1: Der Mann ohne Eigenschaften ], S. 17.

(5) Kurt SAUER: Der große essayistische Roman. Zu Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. In: Der Mittag (Düsseldorf, 8. März 1933).

(6) Vgl. Robert MUSIL: Gesammelte Werke [ = Bd.2: Der Mann ohne Eigenschaften ], S. 522.

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[ Veröffentlicht in: Theres CASSINI: Möglichkeiten oder nocht nicht geborene Wirklichkeiten. Der Versuch einer Annäherung an Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften". © THERES CASSINI, 2014 ].

Cassini.at


8.8.14 08:57

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