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Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause

Antrittslesung der BKS-Publikumspreisträgerin Nadine Kegele als Klagenfurter Stadtschreiberin

„Ich sag ja immer: Bei der Literatur hab ich Blut geleckt, in the old fashioned way of vampires“, notierte die österreichische Schriftstellerin Nadine Kegele am 14. Februar 2014 auf ihrem Account bei dem Kurznachrichtendienst TWITTER, einem der seit langem beliebtesten sozialen Netzwerke im Internet.

Tapp und Tastkino. Sie sei nicht die einzige Nadine Kegele, hält die Autorin, die aus Vorarlberg stammt und in Wien lebt, selbstironisch fest, aber jedenfalls „die einzige Nadine Kegele Twitterstar“, wenn es nach der Süddeutschen Zeitung gehe, „mit (damals) 250 Followern. Süß, nicht?“. Der entsprechende Bericht in der „Süddeutschen“, auf den Kegele anspielt, erschien am 8. Juli 2013 und beleuchtete die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ (TDDL), an denen sich die Schriftstellerin im Vorjahr beteiligte, unter dem Gesichtspunkt des „Netzevents“. Und das ist die Veranstaltung auch seit vielen Jahren. Der Hashtag #tddl – sozusagen das Schlagwort, um Diskussionen bei TWITTER zu verfolgen oder sich an ihnen zu beteiligen – landete am ersten Lesetag in Klagenfurt auf Platz zwei der deutschen Twitter-Trends, direkt nach dem Hashtag #Snowden. Nadine Kegele habe, so die Journalistin Kathleen Hildebrand, den Kurznachrichtendienst dazu genutzt, um „aus der traditionellen Bachmann-Autoren-Rolle des Opferlamms“ herauszukommen. Am Tag ihrer Lesung zitierte die Autorin die folgende Zeile einer Motivationsrede für StudienabgängerInnen der Journalistin Mary Schmich, erschienen 1997 in der Tageszeitung "Chicago Tribune": „Remember the compliments you receive, forget the insults“. Und zirka einen Monat nach der Veranstaltung notierte sie: „Les ich wieder beim Bachmannpreis, trag ich Madonnas Gaultier-Corsage und Valie Exports Genitalpanikhose. Im Vorprogramm: Tapp- und Tastkino.“ Und: seitdem sie „die Bachmannbeschimpfungen bravourös“ hinter sich gelassen habe, „bin ich die Kegele für meine besten Freunde. Der Respekt, der mir gebührt.“

Komponierte Lieder. Nadine Kegele verwendet den Titel ihres Erzählungsbandes „Annalieder“, der im Jahr 2014 im Wiener Czernin Verlag erschienen ist, um ihre Kurznachrichten zu twittern: @Annalieder. Bei Kegele erfüllt TWITTER nicht nur die Funktion eines öffentlich einsehbaren Tagebuchs, wenn man das so nennen will, die Autorin offenbart in den Postings meiner Ansicht nach auch immer wieder Auszüge aus ihrem poetisches Konzept, das unter anderem ein feministisches Konzept ist. Kegele hängt dem Gedanken einer „literature engagée“ an. Müsste man Pole definieren, zwischen denen die literarischen Arbeiten von Nadine Kegele gleichsam „pendeln“, dann könnten das nach meinem Verständnis einerseits die Poesie und andererseits die Politik sein.
Für die Bachmanpreis-Jurorin Daniela Strigl stellte der von Nadine Kegele 2013 in Klagenfurt gelesene Text „Scherben schlucken“ den Versuch dar, dem Zwang des Opfer-Seins zu entkommen. Auch dieses Thema ist ein eminent politisches. Die Literaturkritikerin Strigl strich die fragmentarische, episodische Erzählweise, welche Kegele an den Tag lege, hervor. Diese sei dem Pathos des Themas angemessen. Die Autorin weiß auch ganz genau, wovon sie spricht, wenn sie – ebenfalls bei TWITTER – am 27. Februar 2014 folgendes notiert: „Es gibt Menschen, die so mit Überleben beschäftigt werden, dass sie nicht zur Sprache finden. Und die schlagen zu, wenn sie was sagen wollen.“ Das „Zur-Sprache-finden“ ist ein ganz wichtiges Thema in Kegeles Arbeiten. Der Autorin ist das mit vielen Mühen auf dem so genannten Zweiten Bildungsweg gelungen. Sie hat eine Lehre als Bürokauffrau absolviert und viele Jahre als Sekretärin gearbeitet. Auf ihrer Website NadineKegele.net hat sie diese Jahre in einem biographischen Abschnitt unter dem Titel "Unser tägliches Brot gib uns heute" festgehalten. Die Solidarität der Schriftstellerin, die sich unter anderem „als Sozialhilfekind“ bezeichnet, gilt dabei jenen, die, aus welchen Gründen auch immer, in der „Bildungsferne“ verbleiben.

Das Publikum der Tage der deutschsprachigen Literatur war durchaus geneigt, sich eher der Ansicht von Daniela Strigl als der anderer Juroren anzuschließen. Kegele wurde in Klagenfurt schließlich mit dem BKS-Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Der Publikumspreis ist sozusagen mit dem Klagenfurter Stadtschreiberstipendium „verlinkt“. Und das bedeutet, dass die Autorin die Arbeit an ihrem zweiten Roman, der auch der zweite Teil einer Triologie sein wird, in Klagenfurt fortsetzen wird können. Der erste Teil, und gleichzeitig ihr Romandebüt, erscheint im Herbst unter dem Titel „Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“ im Czernin Verlag und weist eine „Bachmannpreis-Text-Verwandtschaft“ (Nadine Kegele) auf.

Am 8. Mai 2014 wird Kegele bei ihrer Antrittslesung als Klagenfurter Stadtschreiberin im Klagenfurter Musil Haus, die ihm Rahmen der Reihe KELAGerlesen stattfindet, sowohl Auszüge aus dem neuen Text als auch aus ihrem Buch „Annalieder“ lesen.

Nadine Kegele hat sich auch schon mit den Verhältnissen in ihrer neuen, zeitweiligen, Wirkungsstätte auseinandergesetzt. Bei TWITTER, wie könnte es anders sein. Unter dem Hashtag #Hypo heißt es da am 11. Februar 2014: „Die Banken sagen nein. Ich werde ja gesagt.“

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 151/152, April/Mai 2014 ]

12.4.14 14:57

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