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"I am just a poor boy"

Rückkehr des Literaturkurs-Stipendiaten A.M. Widmann ins Musil Museum

Der junge deutsche Schriftsteller Andreas Martin Widmann gehört zu jenen Autoren, von denen man sich viel erwarten darf. Das war bereits beim 12. Klagenfurter Literaturkurs, zu dessen Stipendiaten Widmann im Jahr 2008 gehörte, absehbar. Das Onlinelexikon WIKIPEDIA führt das Klagenfurter Stipendium demgemäß auch als erste Auszeichnung für Widmann. Inzwischen sind zu dieser Auszeichnung aber noch zahlreiche andere dazugekommen.

Zu den ganz wichtigen Preisen zählt für Andreas Martin Widmann sicher der Robert Gernhardt Preis. Vergeben wird dieser Preis, der nach dem 1937 in Reval geborenen und 2006 in Frankfurt am Main verstorbenen Autor, Zeichner und Maler Robert Gernhardt benannt und mit insgesamt 24.000 Euro dotiert ist, vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Der Gernhardt Preis soll die Realisierung eines größeren literarischen Vorhabens ermöglichen. Widmann hat ihn im Jahr 2010, gemeinsam mit Peter Kurzeck, erhalten, und zwar für sein damaliges Romanprojekt "Die Glücksparade". Die Jury hob vor allem die "genaue Beobachtungsgabe, den treffsicheren, schnörkellosen Ton und die erzählerische Konsequenz des Romanprojekts" hervor. Widmann hat das Projekt inzwischen erfolgreich beendet. Im Jahr 2012 ist der Roman "Die Glücksparade" im Rowohlt Verlag erschienen. Andreas Martin Widmann ist damit ein weiterer Autor auf einer in der Zwischenzeit langen Liste von Schriftstellern, die mit ihren literarischen Debüts wieder in das Klagenfurter Musil Museum zurückgekehrt sind.

Es ist ein Text, mit dem der Autor, nach der Meinung der Rezensentin Nicole Henneberg, an die amerikanische Erzähltradition anknüpfe. So formulierte das Henneberg in ihrer Kritik für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Widmanns junge Hauptfigur, der fünfzehnjährige Simon, erinnere durch seinen melancholischen und zugleich kühlen Blick auf die Welt an J.D. Salingers Romanheld Holden Caulfield in dem 1951 erschienenen Roman "Der Fänger im Roggen" (The Catcher in the Rye).

Als der Vater des Romanhelden - ein Mann mit vielen Plänen, die sich aber nur selten verwirklichen ließen - nach zahlreichen erfolglosen Versuchen
beruflich Fuß zu fassen einen Job als Platzwart auf einem heruntergekommenen Campingplatz annimmt, zieht Simon mit seinen Eltern aus der Mietwohnung in einen 29 Quadratmeter großen Wohncontainer um. Die neuen Nachbarn sind Dauercamper, die ihre Träume von einem besseren Leben ebenfalls nicht verwirklichen konnten und die nach und nach in eine gesellschaftliche Randlage geraten sind. "Bubi" Scholz wäre da zu nennen, ein gutherziger Alter, der sich seinen Namen von dem berühmten Boxer "geborgt" hat. Oder Lisa, die hübsche Tochter der Familie Heller, von der gesagt wird, dass sie auf einem Regionalsender eine eigene Fernsehshow bekommen werde. Die Sendung soll den Titel "Glücksparade" bekommen. Simon fühlt sich zu Lisa hingezogen, merkt aber bald, dass sie auch seinem Vater nicht gleichgültig ist. Simons Mutter tut so, als ob sie das nicht bemerke. Bald unterstellt der Sohn dem Vater eine Affäre mit Lisa. Tatsächlich gibt es eine Verbindung zwischen diesen beiden Figuren.

Es ist eine eher unspektakuläre "Coming of age"-Geschichte, die Andreas Martin Widmann in seinem Roman entfaltet. Doch genau darin liegt, laut
Cathérine Wenk, die das Buch für das Titel-Kulturmagazin (Titelmagazin.com) besprochen hat, die "große Stärke des Romans". Denn er zeige, "dass das Erwachsenwerden in unserer heutigen Zeit keinen Stoff mehr birgt für große, aufregende Geschichten". Der Autor widme sich letztlich der Frage, wie man in einer Zeit, in der die großen Ideen fehlten, erwachsen werden könne.
Widmann hat seinem Roman ein Zitat aus Paul Simons Song "The Boxer" vorangestellt. Simon veröffentlichte diesen Song gemeinsam mit seinem
Partner Art Garfunkel im Jahr 1969. Man darf dieses Zitat wohl auch als Reminiszenz an politisch bewegte Zeiten, die von großen Ideen bestimmt
waren, verstehen.

Längst hat der Literaturwissenschaftler, der Andreas Martin Widmann auch ist, sein Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Anglistik
abgeschlossen und eine Dissertation, in der er sich mit der  Geschichtsdarstellung in Romanen von Günter Grass, Thomas Pynchon, Thomas  Brussig, Michael Kleeberg, Philip Roth und Christoph Ransmayr auseinandersetzt, veröffentlicht. Seit 2012 lebt und arbeitet Widmann in  London, wo er als Lektor am University College London (UCL) deutsche Sprache  und Literatur unterrichtet. Auf der Website des UCL finden sich auch nähere Informationen über den "Staff". Wichtigste Information über Widmann dortselbst ist meiner Ansicht nach folgende: "He is currently working on his  second novel."

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 147/148 Dezember 2013/Jänner 2014 ]

29.1.14 09:48

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