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Bachmann-Preis in vieler Hinsicht

Vielleicht wurde der beste Text ja einen Tag zu früh vorgelesen: bei der Vorstellung der Stipendiaten des diesjährigen Klagenfurter Literaturkurses“, notierte der damalige Stadtschreiber der Landeshauptstadt, Karsten Krampitz, im Jahr 2010 in seiner Kolumne vom 25. Juni für die „Berliner Zeitung“. Das Publikum im Klagenfurter Musil Museum sei sich darüber einig gewesen, dass die junge, in Berlin lebende, Schriftstellerin Stephanie Gleißner „mit ihrer zornigen Poesie (...) auf keinen Fall ins Vorprogramm“ gehöre.

Karsten Krampitz. Publikumspreisträger des Bachmannwettbewerbes, zitierte auch gleich einen Satz aus Gleißners Literaturkurs-Text: "Meine Hände, die ich, seit ich zehn war, immer zu Fäusten geballt mit mir herumtrug, um meine bis aufs Fleisch abgekauten Fingernägel zu verbergen, hingen schlaff neben dem Jerseystoff meines Joggers, während einen Meter weiter oben die Fresse poliert wurde." Für ihren Romanauszug habe sich im Jahr 2010 kein Juror beim Bachmann-Preis gefunden, notierte Krampitz. Der Autorin selber wäre es nach eigener Aussage allerdings damals geradezu „vermessen“ vorgekommen, sich zu diesem Zeitpunkt für den Bachmann-Preis zu bewerben. Dafür sei aber schon festgestanden, so Krampitz weiter, dass Stephanie Gleißner mit ihrem Text bei dem in Berlin beheimateten Aufbau-Verlag ihr Romandebüt feiern solle.

Klagenfurter Literaturkurs

Der Verlagskontakt war nach Gleißners erfolgreichem Auftritt beim Open Mike-Wettbewerb der Literaturwerkstatt Berlin zustande gekommen. Und nach Gleißners Teilnahme am Klagenfurter Literaturkurs, der für sie die „erste richtige Begegnung mit dem Literaturbetrieb und seinen Netzwerkgepflogenheiten“ gewesen sei, war es im Jahr 2012 schließlich soweit. Die Autorin feierte ihr Debüt mit dem Roman der inzwischen den Titel „Einen solchen Himmel im Kopf“ trug. Karsten Krampitz durfte sich nach Vorliegen der ersten Rezensionen in seiner Einschätzung, die im Übrigen schon von vielen Beobachtern des Klagenfurter Literaturkurses geteilt wurde, bestätigt fühlen. Von „Anti-Heimatlieratur“ war die Rede. Und in der Literaturbeilage der Wochenzeitung Die ZEIT wurde Stephanie Gleißner zu einer neuen Generation von Autoren, welche die literarische Landschaft in Deutschland in Zukunft verändern könnten, gezählt. Und Christoph Schröder notierte in der Frankfurter Rundschau über Gleißners Buch, dass man darin „gute, kraftvolle Sätze“ finde, und zwar sehr viele davon. Aus dem Buch spreche „Ein Furor, der aus Verzweiflung geboren ist“, so Schröder weiter. Der erwähnte  „Furor“, den Gleißner in ihrem Erzählduktus an den Tag legt, entsteht aus einer genauen Kenntnis der Verhältnisse ihrer Lebensumwelt, beispielsweise, wie sich der Föhn auf der Leben der Menschen im Dorf auswirkt: „Der Föhn ist eine anarchische Kraft. Er sorgt für Ereignisse. Die Hinterlandbewohner mögen den Föhn nicht, denn sie mögen keine Ereignisse. Sie mögen ein Leben in der Schneekugel: eine überschaubare Anzahl von Zuständen, die einander abwechseln“, heißt es in dem Roman. Und weiter:  „Wir waren auf das Hinterland eingeschworen“, sagt Annemut als Erzählerin über die beiden Mädchen Annemut und Johnanna, die in der Schulzeit zu Verbündeten werden. Sich später aber aus den Augen verloren.

Eine Heilige im Hinterland

Stephanie Gleißner, die 1983 in Garmisch-Partenkirchen geboren wurde und in Mittenwald aufgewachsen ist, stellt in ihrem Romandebüt die Geschichte der jungen Annemut in den Mittelpunkt. Die junge Frau hat nicht nur einen „sprechenden“ Vornamen, sondern zuerst die Zuversicht und dann auch den Mut, das „Hinterland“, in dem sie aufgewachsen ist, hinter sich zu lassen bevor sie, zuerst in ihrer Imagination und dann real wieder dorthin zurückkehrt. „Hinterland“, das ist gleichzeitig ein Heft, das von der Freundin Johanna – wie Annemut eine Außenseiterin im Dorf –  geführt wird. Johanna führt auch ein weiteres Heft, in dem sie sich mit dem Leben der Heiligen beschäftigt.

Stephanie Gleißner gab in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung darüber Auskunft, dass sie sich zu Beginn ihrer Arbeit an dem Roman mit dem Thema der Heiligenverehrung beschäftigte. Sie habe das „religiöse Narrative“, welches mit dieser Verehrung verbunden ist, sehr interessant gefunden, „die Art wie religiöse Denk-, Handlungs- und Erzählstrukturen unsere Lebensführung bestimmen bzw. wie wir uns selbst unser Leben erzählen und interpretieren“. In diesen Erzählungen komme beispielsweise jene „paradoxe Figur“ vor, „dass das Opfer eigentlich der Stärkere ist (ich sage nur: andere Backe hinhalten)“. Dass „in der Affirmation des Opferstatus auch ein Zugang zu Macht liegt, bestimmt ja die Entscheidung und Lebensführung vor allem von vielen Frauen bis heute“ (Stephanie Gleißner).

Interview

Sie selber sei als Kind „kaum mit Büchern in Berührung gekommen“, so Stephanie Gleißner in einem Interview mit der deutschsprachigen Ausgabe der, von Andy Warhol gegründeten, Zeitschrift „Interview“. Es seien „eher Begegnungen mit Menschen und Ereignisse“ gewesen, die ihre Leben verändert hätten als Bücher“ sagte die Autorin weiter, „aber dadurch, dass man als Leser und Schreiberin und allgemein im Umgang mit Kunst sich sowieso ständig im Raum der Möglichkeiten bewegt, ist es zu tatsächlichen Veränderungen eigentlich nur ein kleiner, wenn auch nicht oft genug gemachter Schritt.“ Ihren zweimonatigen Aufenthalt im  Künstlerdorf in Schöppingen im Frühjahr dieses Jahres nütze die Autorin für die Arbeit an ihrem bereits zweiten Roman.

Im Rahmen von KELAGerlesen am 17. Oktober im Musil Museum wird die Deutsche aber noch aus ihrem viel gerühmten Erstlingswerk vortragen.

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 145/146, Oktober/November 2013 ]

 

7.11.13 17:36

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