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wARuM – leicht und schwer gleichzeitig

Eine der zentralen Botschaften der aktuellen Ausstellung von Irmgard Siepmann und Martin F. Hahnl, deren Titel – wenn man schnell darüber lesen würde – „wARuM“ lauten könnte, wendet sich in mehrfacher Hinsicht nach außen.

Irmgard Siepmann und Martin F. Hahnl, die das Künstlerduo 1000& bilden, nutzten eigentlich schon die Einladungen zu diesem außergewöhnlichen Projekt, um eines ihrer Anliegen zu transportieren. Sie tun dies vom 3. bis zum 18. September 2012 gleichermaßen mit dem „Schaufenster“ der Galerie der Berufsvereinigung der Bildenden KünstlerInnen in Klagenfurt.

Wer an diesem Gebäude derzeit vorbeigeht, wird auf der großen Glasfläche vermeintlich auch das Wort „Warum“ lesen können. Wenn er – oder sie – genau liest, wird ihm oder ihr auffallen, dass die Buchstaben W und U in einem satten Orange gehalten sind. Die Buchstaben A R und M aber scheinen aus überdimensional großen Geldscheinen ausgeschnitten worden zu sein.

In dem unübersehbaren Wort, in der wichtigen Frage „Warum“ ist eine weitere Bedeutung enthalten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Siepmann und Hahnl, dass 1000& sich – und damit auch uns – folgende Frage stellen „Warum arm?“ Sie stellen diese Frage in einem Wort und das ist natürlich kein Zufall.

Die Arbeit „wARuM“ gehört sozusagen zur zweiten „Staffel“ von Arbeiten, die dem Projekt der One Word Sculptures zuzuordnen sind. Was den Titel des Projekts angeht, so ist er an die „One Minute Sculptures“, welche der international bedeutende österreichische Künstler Erwin Wurm seit dem Jahr 1997 entwickelt, angelehnt. Geht es Wurm unter anderem darum, die Grenzen zwischen Skulptur und Aktion zu verwischen und die Mitglieder des Publikums, die zu Akteuren werden, in seine Aktionen mit einzubeziehen, so versteht das Duo 1000& Wörter als zu untersuchende, respektive zu formende Objekte. Der Aspekt der Skulptur steht für die Künstler im Vordergrund.

Man wird an dem Begriff „One word sculptures“ auch nicht zweifeln. Die Bezeichnung „Sculpture“ oder „Skulptur“ leitet sich vom lateinischen Wort „sculptura“ ab, welches wieder zu dem Verb „sculpere“ gehört. „Sculpere“ bedeutet soviel wie „schnitzen“, „bilden“ oder „meißeln“. Siepmann und Hahnl nehmen nun nicht Blöcke von Carrara-Marmor als Material, sie bedienen sich des Wortschatzes der deutschen Sprache, um ihre „One word sculptures“ herauszumeißeln und sind damit gleichzeitig auch einem modernen Begriff von „Skulptur“, der sich nicht mehr in erster Linie durch die Materialität, durch die Schwere des Materials definiert, verbunden.

1000& geht es meiner Ansicht nach auch um Leichtigkeit. Das mag damit zusammenhängen, dass die beiden Künstler auf über 1000 Meter Seehöhe leben und arbeiten. Möglicherweise verschafft ihnen diese Position auch mehr „Sehhöhe“. Und die wollen die beiden mit ihren Arbeiten auch dem Publikum vermitteln.

Die richtige „Sehhöhe“ für die Frage „Warum arm“? Was aber ist die richtige „Sehhöhe“? Um diese zu erreichen, verwenden 1000& Elemente moderner Werbeästhetik. So große Buchstaben, die aus Geldscheinen ausgeschnitten zu sein scheinen, kennen wir sie nicht vom Vorbeigehen an Bankfilialen, aus deren Schaufenstern? 1000& stellt die Frage auch ganz bewusst nicht nur einem Galeriepublikum – möge es möglichst zahlreich sein, sondern allen, denn die Straße – zumindest ein Großteil davon – gehört der Allgemeinheit.

Die eigene Arbeit, und wohl auch die eigene Arbeitsweise, bezeichnen 1000& als „Kunst der Auseinandersetzung“. In ihren Werken beschäftigen sich die beiden mit gesellschaftsrelevanten Themen.

„Warum arm?“ Diese Frage ist selbstverständlich gesellschaftsrelevant. Sie ist sehr leicht und gleichzeitig sehr schwer zu beantworten. Und auch das sagen 1000& mit ihrem Kunstprojekt meiner Ansicht nach aus.

Diese Frage ist deswegen sehr leicht zu beantworten, weil das, was an gesellschaftlichen Werten geschaffen wird, einer sehr ungleichen Verteilung unterliegt, so dass es einerseits Reiche und andererseits Arme gibt, obwohl die Summe dessen, was gesellschaftlich geschaffen wird, dazu ausreichen sollte, um keine Armut entstehen zu lassen. „Es reicht. Für alle“ – so betitelte Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitinitiator der österreichischen Armutskonferenz, ein Impulsreferat, das er im Jahr 2010 verfasste.

Eine der zentralen Aussagen von Martin Schenk ist folgende: „Armut ist kein Naturereignis“. Womit wir wieder zurück bei 1000& sind. Siepmann und Hahnl sagen mit ihrer Kunstaktion nichts anderes aus. Warum ist es so, wenn es nicht so sein muss?

Eine weitere Arbeit aus dem Jahr 2006 passt genau zu diesem Thema. „Kain aber wurde ein Ackermann“. Die beiden Künstler stellen dieses Zitat aus der Bibel – es stammt aus dem Alten Testament, aus dem 1. Buch Moses (der Genesis – mit der ihnen eigenen Leichtigkeit neben das Porträt von Josef Ackermann. Ackermann, von 2003 bis 2012 Chef der Deutschen Bank, galt für viele als „Symbolfigur für den arroganten Banker“ (Zitat nach der Internetseite der Sendung „Tagesgespräch“ bei WDR 5 vom 31. Mai 2012). Im Jahr 2005 kündigte Ackermann einerseits ein neues Rekordergebnis bei der Deutschen Bank an und andererseits den Abbau von über 6.000 Arbeitsplätzen in dem Institut an.

Ackermann galt – mit einem Fixgehalt von 1.15 Millionen EURO und erfolgsabhängigen Vergütungskomponenten, die in manchen Jahren bei über 10 Millionen EURO lagen – auch als Symbolfigur für die Vergrößerung der Kluft zwischen arm und reich.

Und passt nicht eine weitere Arbeit zu dieser? Wenn Siepmann und Hahnl in dem Wort „EiGentOr“ das Wort „EGO“ – die lateinische Bezeichnung für das „Ich“ finden und einen Spiegel als Trägermaterial für diese Arbeit verwenden? Und gleichzeitig könnte auch jene Arbeit, in der 1000& das Wort GELD als Teil des Wortes „traumGEbiLDe“ aufspüren, inhaltlich damit verbunden sein. 1000& finden GELD aber auch in dem Wort „manGELzustanD“, womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären. Und zu diesem engeren Kreis von Arbeiten gehört wohl auch jene, die in dem Freudschen Wort „angstnEUROse“ die gemeinsame Währung in der Europäischen Union erkennen läßt.

Aber selbst das Wort „angstnEUROse“ erscheint in dem Projekt der beiden Künstler in einer, der modernen Werbeästhetik entlehnten, Schrift, die ein gewisses, wie man heute gerne sagt „Wellness“-Gefühl zu vermitteln scheint. Das war bei der ersten „Staffel“ der One Word Sculptures, die – auf Postkarten und auf Plakaten sowie in einem Video – im Rahmen der 35. Tage der deutschsprachigen Literatur, also beim Bachmann-Preis, in Klagenfurt zu sehen war, noch ganz anders. Die Skulpturen entwickelten ihre Dynamik aus dem Zusammenspiel von Schrift und Grundfarbe.

Wie stets bei ihren Arbeiten bietet uns das Künstlerduo 1000& jede Menge gedanklicher „Beschäftigungsmöglichkeiten“ und verwendet, wie Sie sehen werden, selbst dieses Wort für eine der Skulpturen intimerer Art. Sie laden uns zur „Kunstbetrachtung“ ein. Ich darf diese Einladung namens der Künstler an sie weitergeben und gleichzeitig darauf hinweisen, dass sich auch in diesem Wort wiederum ein anderes, nämlich „Betrug“ enthalten sein könnte.

13.9.12 08:44

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