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Plav Songs von Thomas Podhostnik

Von den vielen „slowenischen Ecken“, die er in Klagenfurt gesehen habe, erzählte mir der Schriftsteller Thomas Podhostnik, nachdem er die Stadt im Jahr 2005 als Stipendiat des Literaturkurses besser kennen gelernt hatte. Podhostnik wurde in Radolfzell am Bodensee geboren und wuchs in Deutschland auf, als Sohn slowenischer Eltern. Die slowenischen Anteile der Landeshauptstadt Klagenfurt waren ihm gleich vertraut.

Das Thema der Migration, das Podhostnik aus eigener Erfahrung bestenskennt, spielt auch in seinem zweiten Roman „Die Hand erzählt vom Daumen“(Luftschacht Verlag, 2011) eine große Rolle. Der Autor wird sein Buch im Rahmen der Reihe KELAGerlesen am Donnerstag, dem 27. September (ab 19,30 Uhr), im Klagenfurter Musil Museum vorstellen.

Thomas Podhostnik fordere seinem Publikum „ein genaues und konzentriertes Lesen“ ab, heißt es in einer Rezension auf der website Muenchen.Bayern-online.de. In seinen stärksten Momenten, heißt es dort weiter, erinnere Podhostniks Buch an Peter Weiss´ Text „Der Schatten des Körpers des Kutschers“.

Dieser Feststellung ist keineswegs zu widersprechen. Der Autor hat mit seinem neuen Roman, ein sehr stringentes Werk, dem eine komplexe Struktur zugrunde liegt, vorgelegt. Die Pole, zwischen denen Plav, die Hauptfigur des Romans, hin und her pendelt, sind gewissermaßen Fremdheit und Vertrautheit, wobei das Gefühl der Fremdheit so groß ist, dass es kaum Platz lässt für Vertrautheit. Immer dann, wenn sie entstehen könnte, entzieht sich Plav, setzt sich auf sein Fahrrad und sucht das Weite oder spricht mit seinem Daumen. Schon das Verhältnis zur Mutter ist von Hassliebe geprägt, Vertrautheit aber fehlt. Diese Differenz ist sozusagen der „Grundton“, den der Autor anschlägt. Thomas Podhostnik hat diesen Grundton mit einer bestimmten Farbe „unterlegt“. Eigentlich taucht er das ganze Buch in diesen Farbton. Seine Hauptfigur, das Gastarbeiterkind, nennt er Plav. Plàve oči, das wäre eine slowenische Bezeichnung für blaue Augen, damit ist der Farbton genannt. Der Name Plav ist davon abgeleitet. Er bezieht sich auf eine umgangssprachliche Verkürzung, die unter anderem im Nordosten Sloweniens gebräuchlich ist. Der genaue, konzentrierte Leser und die Leserin werden feststellen, dass es in dem gesamten Buch, bis auf wenige Ausnahmen, fast durchgehend nur diese eine Farbe, das Blau, gibt, beginnend mit Plavs blauem Hosenbein. Das Kissen und der Teppich „mit den französischen Lilien“ im Haus, beides ist blau. Und den Schuhkarton mit einem Geschenk für seine Tochter verschnürt Plav mit blauer Seide. Thomas Podhostnik entwirft eine Art von literarischem „Yves-Klein-Blau“ und nutzt wie der französische Künstler Yves Klein (1928-1962), der für seine Bilder ein monochromes Ultramarinblau zu verwenden begann, die Sogwirkung der Farbe. Bei Podhostnik werden die Leser durch die Farbe in den Text „hineingezogen“. Hinzugefügt sei, dass das Buch vom Wiener Luftschacht Verlag auch typographisch exquisit gestaltet worden ist. Der Text ist in blauer Farbe gehalten, der Einband und der Schutzumschlag gleichermaßen. Ein in jeder Hinsicht sorgfältig gearbeitetes Buch, das von der intensiven Beschäftigung des Autors mit visuellen Medien zeugt.

Den Grundton in „Plavs“ Leben, sein Dazwischenstehen, kann man also mit „Feeling blue“ bezeichnen. Autor Podhostnik fasst das in starke Sprachbilder: „Nix verstehen!“ ruft Plav Stefan, dem Lebensgefährten seiner Mutter zu: „Ich Ausländer!“ Slowenischer Abstammung. „Blöd wie Brotscheibe in Abfallbehälter!“.

Dieses Dazwischenstehen der Hauptfigur Plav betrifft fast alle seine Lebensbereiche. Am stärksten ist das Zugehörigkeitsgefühl noch zur slowenischen Großfamilie. Zu den Arbeitern in der Spritzgussabteilung der Firma, in der er arbeitet, zählt Plav sich schon wieder nicht, obwohl er nach den Beobachtungen des Chefs „mit ihnen kann“. Plav sieht sich auch nicht als Künstler, obwohl er an Skulpturen, meist kleinen Marionetten aus Holz, arbeitet. „Ich mach was und so weiter, so nenne ich das“, sagt er zum Chef. Nicole, dessen Tochter, fühlt sich Plav wesentlich stärker verbunden, als er ihr. Mit ihr hat er eine Affäre. Mit einer Deutschen befreundet zu sein, das macht ihn selber noch lange nicht zu einem Nemec.

„Warum passt Du nicht dazu, hat Mama zu Haus im Bett liegend gefragt“. Plav ist einer, der die Widersprüche in seinem Leben erspürt, erkennt, aber nicht aufzulösen vermag. Wie sollte er auch? So schreit es  gewissermaßen aus ihm heraus: Jebem ti svet – „Fuck you, world!“. Denn: „Was einmal kaputt ist, wird nie wieder ganz“. Und dieses Gefühl, dass sich die Teile, in welche das ganze Leben zersprungen ist, nicht wiederzusammenfügen werden, durchzieht das ganze Buch.

Spürbar macht das genannte Gefühl auch die Band Koosc Gollito, die Thomas Podhostniks experimentelle Texte für das Buch „Die Hand erzählt vom Daumen“ noch während ihrer Entstehung in neun Songs umgesetzt und auf der CD „Plavsongs“ veröffentlicht hat. Präsentiert wurden die Songs unter anderem mit großem Erfolg bei einer Lesung und einem Konzert im „Roten Salon“ der Berliner „Volksbühne“. Erschienen ist die CD bei dem Leipziger Label (type:g)records. Leipzig, das ist auch Podhostniks neue Stadt, dort lebt und arbeitet er seit seinem Studium am Deutschen Literaturinstitut.

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 131/132, August/September 2012 ]

 

7.8.12 15:50

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