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Das Zimmermädchen mit Tarnkappe

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 123/124, Dezember 11/Jänner 12 ]

Es ist der alte Traum der Menschheit von der Unsichtbarkeit, den der in Karlsruhe lebende Schriftsteller Markus Orths für seine Figur Simon Bloch Romanwirklichkeit werden lässt. Denn Bloch kann seinen Körper unsichtbar werden lassen. Das „Werkzeug“ dafür hat Bloch in seiner Wohnung gefunden: „Die Tarnkappe“. Das ist gleichzeitig auch der Titel von Orths zuletzt publiziertem Roman, der 2011 im Frankfurter Schöffling Verlag erschienen ist.

Die Vorstellung von einem magischen Gegenstand, der dem menschlichen Körper Unsichtbarkeit verleiht, findet sich schon in der griechischen Mythologie oder in der aus dem Mittelalter stammenden Nibelungensage. Ende des 19. Jahrhunderts publizierte der englische Autor H.G. Wells seinen Roman „Der Unsichtbare“ (The Invisible Man). Aber im Gegensatz zu Wells Hauptfigur, dem Wissenschaftler Griffin, der durch die Anwendung einer chemischen Formel unsichtbar wird und es dann bleibt, kann der verhinderte Filmkomponist Simon Bloch durch das Ablegen der Tarnkappe immer wieder sichtbar werden, obwohl das von Mal zu Mal schwieriger wird. Beide, Griffin wie Bloch, durchschreiten mit dem Tor zur Unsichtbarkeit gleichzeitig auch das Tor zu einer Macht, die von ihnen Besitz ergreift. Was Simon Bloch in Markus Orths Roman angeht, so trifft das ein, was die Romanfigur Bloch in einem Internet-Forum über Tarnkappen liest: „Wer die Kappe trage, werde sich verändern, und niemand könne der Kappe widerstehen, der Macht der Unsichtbarkeit“.

Nibelungen.Sage. Die Unsichtbarkeit ist gerade ihm verliehen worden, Simon Bloch, „dem unauffälligsten Menschen, der jeden Morgen seine Zeitung zusammenfaltete und zur Arbeit fuhr, wie Millionen andere auch“ und im Büro umgeben ist vom „Stakkato der Tastaturen“. Die Tarnkappe verleiht Bloch die Möglichkeit, „sich einen neuen Platz im Leben zu suchen“. Die Eindrücke überschwemmen den für die anderen Menschen unsichtbaren Bloch und er lässt sich mitreißen von deren Leben und meint schließlich, gleichsam die „Regie“ übernehmen und letztlich über Leben und Tod anderer Menschen bestimmen zu können, ja zu sollen. Bloch kann bald nicht mehr unterscheiden zwischen „kappenfreien Gedanken“ und anderen. „Was sind das für Mächte, die uns bedrängen?“, fragt sich Bloch, „die ihre Schatten über uns schütten? Die aus uns kommen, aber uns vorgaukeln, sie kämen von außerhalb?“ Aus der Kappe?

Wenn er sich die Tarnkappe überstreift, wird Simon Bloch zu einem ganz anderen Menschen. Markus Orths macht die Unsichtbarkeit in seinem Roman gleichsam körperlich fühlbar, wenn er in „Die Tarnkappe“ schreibt:  „Simon schien, als löse sich sein Körper auf, langsam, Stück für Stück, und dieses Verschwinden seiner selbst fiel nicht wie ein Schleier über ihn, sondern durchkroch seinen Körper von innen wie ein Wurm und sickerte zugleich von außen wie eine Flüssigkeit an ihm hinab, es verschwand zunächst seine Brust, und Simon sah, wie sein Bauch sich auflöste, seine Arme, seine Hände, Beine, Füße, solange sah er an sich herab, bis er vollständig bekleckert war von nichts“.

Der Autor versucht, auch der Frage auf den Grund zu gehen, was dann passiert, wenn sich der Körper gleichsam auflöst, wenn das Leben „übergeht“ in ein anderes, körperloses. Und so spielt auch der Tod eine große Rolle in dem Roman. Simon Bloch, der durch die Tarnkappe scheinbar an Macht gewinnt, weiß gleichzeitig nicht mehr genau, was denn sein „Standort“ im Leben sei, denn, „wenn dich niemand mehr sieht, wer bist du dann?“ Und so ist es kein Zufall, dass Markus Orths seinem Roman eine Sentenz des deutschen Lyrikers Max Sessner, abgewandelt, voranstellt. Bei Sessner heißt es: „Der Tod probiert schon mal meine Kleider an“. Auch bei Bloch schaut er schon zur Anprobe vorbei.

Körperlosigkeit. Und gleichzeitig ist die Vorstellung der Unsichtbarkeit, der „Körperlosigkeit“ in einer Gesellschaft wie jener der Gegenwart, die fast könnte man sagen „körperfixiert“ ist, eine ziemlich unerhörte. Der Weg zum Tod wird in derselben ja nicht als ein natürlicher Prozess gesehen, gleichsam vom Werden zum Vergehen, sondern man versucht, sich sozusagen hinter dem eigenen Körper zu verstecken, sich durch „Körperdesign“ dem Tod entgegenstellen zu wollen, gerade so als ob eine so genannte „Schönheitsoperation“ eine „Anprobe“ durch den Tod überflüssig machen würde, weil man durch sie das „wahre“ Alter des Menschen „verbergen“ könne.

Der neue Roman von Markus Orths ist gleichsam auch ein Essay über „das Verborgene“. „Irgendwo“ hat Bloch „einmal gelesen“, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Wahrheit, wenn man es aus dem Griechischen übersetzte, „Unverborgenheit“ laute. Man kann davon ausgehen, dass Bloch das Wort in dieser Verwendung bei dem Philosophen Martin Heidegger gelesen hat.

Bachmann.Preis. Markus Orths schließt damit thematisch auch an seinen Roman „Das Zimmermädchen“ (Schöffling, 2008) an, für den der Autor im Jahr 2008 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den Telekom-Austria-Preis erhalten hat. Das Programm „Bachmannpreis-goes-Europe“, die Übersetzung der Wettbewerbstexte in zahlreiche europäische Sprachen und damit das Vorhandensein von „Textproben“, hat  es mit sich gebracht, dass der Roman „Das Zimmermädchen“ im wahrsten Sinne des Wortes auch zu einer „Geschichte für Europa“ geworden ist. Das Buch ist in zehn Sprachen übersetzt worden.

Auch Lynn, das Zimmermädchen, dringt in das Leben anderer Menschen ein, in jenes der Hotelgäste, für die sie aber ebenfalls mehr oder weniger „unsichtbar“ bleibt, weil sie sich zeitweise unter den  Betten der Gäste aufhält. Und man denkt sich nachträglich, dass auch die Figur der Lynn jener Versuchung, die das Tragen einer Tarnkappe bedeutet, wohl nicht hätte widerstehen können. Lynn stellt genau das fest, was auch Bloch erkennen kann: „So sieht Leben aus“, ungeschönt, keinem Design unterzogen, mit allem Schrecken, mit aller Verletzbarkeit, mit allem Banalen, welches Leben enthalten kann, wenn man es aus der Position eines Unsichtbaren betrachten kann. Und könnte der oder die „Unsichtbare“ nicht auch, ganz zeitgemäß, ein vor seinem oder ihrem Bildschirm sitzende/r Betrachter/in sein? Wären, so gesehen, nicht sehr viele von uns eigentlich „unsichtbar“ und die Bildschirme unsere „Tarnkappen“? Und wären wir dann nicht auch, sobald unsere Computer hochgefahren sind, „vollständig bekleckert von nichts“ und wir darin völlig verschwunden?

»Markus Orths (gelingt) etwas, das viele Autoren vergeblich versuchen“, schreibt Katharina Peralta in der Zeitschrift „Am Erker“, und ich stimme mit ihr vollständig überein: „Die Tarnkppe ist ein Buch, dessen Wirkung auch noch lange nach der Lektüre anhält“.

 

7.12.11 12:45

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