Werbung

Gratis bloggen bei
myblog.de

Mein Herz kann allein zu aller Zeit bestehen, weil die Natur es aus Dynamit gemacht hat

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 119/120, August/September 2011. ]

KELAGerlesen bringt Rabea Edel wieder nach Klagenfurt

Gleich zwei internationale Regiegrößen dienen Tobias Becker bei der Besprechung von Rabea Edels neuem Roman „Ein dunkler Moment“ auf SPIEGEL Online als Bezugspunkte. Ein in dem Roman vorkommender Fuchs lässt den Rezensenten an den Fuchs in Lars von Triers jüngstem Film „Antichrist“ denken. Aber eigentlich erinnere Edels Roman insgesamt „an eines der verstörenden Filmrätsel von David Lynch“.

Das Buch der jungen deutschen Autorin, welches im Luchterhand Literaturverlag erschienen ist, führe „in das Herz der Finsternis menschlicher Obsessionen, hinein in die Faszination des Tötens und des Todes. Und dies in einer klaren, hypnotischen Prosa, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in Spannung versetzt“, so die Rezensionsnotiz in der Frankfurter Rundschau.

Bei so vielen Bezügen zum Medium Film verwundert es nicht, dass das Erscheinen des Romans auch mit einem aufwendig gestalteten Video angekündigt worden ist. Man findet es unter dem Titel „Ein dunkler Moment – Rabea Edel – Buchtrailer“ bei YOUTUBE sowie bei Randomhouse.de. Auf der Website Zehnseiten.de wird zudem noch ein Video mit einer Lesung der Autorin aus dem neuen Roman präsentiert.

„Mein Herz kann allein zu aller Zeit bestehen, weil die Natur es aus Dynamit gemacht hat“

Der „Plot“ des Romans lässt sich folgendermaßen andeuten: Es ist der 5. April 1998: In einer amerikanischen Kleinstadt tötet ein Jugendlicher namens Billy seine Eltern und seine jüngere Schwester mit einem Baseballschläger und ruft danach die Polizei. Seine ältere Schwester Amanda verbringt die Nacht in den Feldern vor der Stadt. Erst als alles vorbei ist, kommt sie nach Hause zurück. „Beide Geschwister stehen dem Tod ihrer Angehörigen völlig gleichgültig gegenüber, überhaupt sind sie wortkarg und verschlossen. Zwischen ihnen besteht ein seltsames Einverständnis, bei der Beerdigung wechseln sie einen vielsagenden Blick, später folgen Karten aus dem Gefängnis - zu jedem Jahrestag am 5. April“ , notiert Alexander Kosenina in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (vom 19. Mai 2011) über das Verhältnis der Geschwister. In einer Vorstufe zu dem Roman, in „Amandas Notizbuch. 1995-1998“, das in der BRÜCKE erstmals abgedruckt wird, heißt es: „Die beste Eigenschaft meiner Vorfahren ist es, tot zu sein“.

Es ist der 5. April 2009: In einem Vorort von Rom wird einer jungen Frau, Amanda, die Kehle durchtrennt. Die Autorin beschreibt diese Szene aus der Perspektive des Opfers, dessen Stimme präsent bleibt: „Du wirst sie mögen, Billy, sie wird alles anders machen als ich: Sie wird Dir schreiben und sie wird dich besuchen, ich habe ihr ein Flugticket gekauft“.

Die Mörderin Lucia Mara tauscht mit ihrem Opfer, dem sie zum Verwechseln ähnlich sieht, die Kleider und begibt sich auf eine mehrere Tage dauernde Odyssee durch die Stadt. Durch Zufall kreuzt sich ihr Weg mit dem des Pathologen Andrea Landolfi, der mit der Obduktion der ermordeten Römerin beauftragt worden ist. Während sich die Täterin einige Tage später ebenfalls der Polizei stellt, findet Landolfi Hinweise auf die Kindheit der Mörderin und auf die Ereignisse in der Nacht des 5. April 1998 … Zwei der Fragen, die sich ergeben, sind: Wer ist Amanda wirklich? Und wer die Tote?

„Wie alt bist du, fragte die Königin den Teufel mit zärtlicher Stimme. 8000 Jahre alt. Es beginnt immer alles von vorn.“

Wo die Autorin mit ihrer Geschichte in der Realität „andockt“, gibt sie durch die Verwendung des Vornamens Amanda und durch folgendes Zitat zu erkennen: „Die einzige Wahrheit ist, dass ich mir der Wahrheit nicht sicher bin. Ich war nicht dort“. Es wird Amanda Knox zugeschrieben. Im Dezember 2009 hatte ein italienisches Schwurgericht die US-Amerikanerin für schuldig befunden, gemeinsam mit ihrem Freund und einem Drogendealer Meredith Kercher, Mitbewohnerin, Studentin aus Großbritannien, ermordet zu haben. Knox wurde zu 26 Jahren Haft verurteilt. Im November 2007 wurde die damals 21-jährige Kercher in einem Haus am Rande der Altstadt von Perugia, welches Kercher mit Amanda Knox und zwei anderen Frauen teilte, tot aufgefunden. Das Opfer lag mit aufgeschlitzter Kehle halbnackt in einer Blutlache. Der Körper wies zahlreiche, durch Messerstiche beigebrachte, Wunden auf. Eindeutige Beweise für die Schuld der Verdächtigen konnten aber nicht vorgelegt werden. Auch ein klares Motiv für die Tat wurde nicht ermittelt. Die Angeklagten hatten sich während des Verfahrens in zahlreiche Widersprüche verwickelt. In Summe sind bei diesem Gerichtsverfahren aber noch viele Fragen offen geblieben.

Eine weitere Frage ist folgende: Wer ist die Autorin, welche sich um dieses Thema kümmert? Sie ist noch nicht dreißig, sorgt aber wie SPIEGEL-Rezensent Becker richtig bemerkt „schon seit Jahren für Aufsehen auf dem Literaturmarkt“.

Die geborene Cuxhavenerin Rabea Edel arbeitet nach ihrem Studium der Italianistik und Germanistik schon eine Zeitlang als freie Autorin und Übersetzerin in Berlin. Dem Publikum hierzulande hat sie sich bereits im Jahr 2003 präsentiert, als Stipendiatin des Siebenten Klagenfurter Literaturkurses. Sie war so gesehen eine „Jahrgangskollegin“ von Steffen Popp, der 2011 in Klagenfurt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur den KELAG-Preis erhalten hat.

Aber es mangelt auch Rabea Edel selbst nicht an Auszeichnungen. Im Jahr nach dem Literaturkurs war sie Preisträgerin des „Open Mike“-Wettbewerbs der Berliner Literaturwerkstatt. Wie für zahlreiche andere AutorInnen stellten beide Formen der literarischen Anerkennung, in Klagenfurt und in Berlin, auch für Rabea Edle eine ideale Startvoraussetzung für die schriftstellerische Karriere dar. Der erfolgreiche Start gelang ihr im Jahr 2006 mit dem Roman „Das Wasser, in dem wir schlafen“ (Luchterhand Literaturverlag). Auf Vorschlag der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller bekam die junge Schriftstellerin noch im gleichen Jahr den Kunstpreis Berlin-Brandenburg. In Herta Müllers Jurybegründung heißt es: „Rabea Edel beschreibt in immer wieder überraschenden Bildern das Entgleisen der Gefühle. Durch verblüffende Dialoge und Porträts gelingt ihr ein Roman über das zerstörerische Manöver der Abhängigkeit, über die Abhärtung gegen das Glück“. So verwundert es nicht, dass die Autorin einige Zeit später für den gleichen Text auch den „Nicolas-Born-Förderpreis“ erhielt.

2006 war auch das Jahr, in dem Rabea Edel mit einem Zitat bei den „Wortbildern“ im Rahmen des von Gerhild Tschachler-Nagy initiierten Kunstprojekts „Solysombra“ vertreten war. Die entsprechenden Textausschnitte von Rabea Edel und 13 weiteren Stipendiatinnen und Stipendiaten des Klagenfurter Literaturkurses waren auf Leintücher gedruckt und so gleichsam „überdimensional“ im öffentlichen Raum vorhanden – und wurden von einem interessierten Publikum gelesen.

Wie auch jetzt die Bücher der Autorin Rabea Edel, die am 20. September ins Musil Haus zurückkehrt, um ihren zweiten Roman vorzustellen.

---------------------------------------

Tobias BECKER: Romanrätsel "Ein dunkler Moment". Ein Mordsbuch. SPIEGEL online, 18. April 2011.

 

Ein dunkler Moment – Rabea Edel – Buchtrailer.

 

Rabea Edel
liest aus „Ein dunkler Moment“.

 

Alexander KOSENINA: Ihr könnt Euch niemals sicher sein [ Rabea Edel: Ein dunkler Moment ]. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (19. Mai 2011).

 

 

3.8.11 13:54

Werbung


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen