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Satus Katze

Es wird euch nicht viel anders gehen als mir, wenn ihr die wunderbare Hörprobe von Constantin Göttferts Roman "Satus Katze" (C.H. Beck, 2011) auf der website des Verlags anklickt, das kann ich fast garantieren. Nach sechs Minuten und 42 Sekunden werdet auch ihr wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht. Eine Leseprobe führt euch noch bis zur Seite 18, aber das reicht noch lange nicht.

Gleich im ersten Satz taucht in dem Roman das Abbild einer Katze auf: "Das Plakat der Freien Bühne zeigte eine häßliche schwarze Katze, deren Fell mehrere kahle Stellen aufwies." Constantin Göttfert läßt seinen Ich-Erzähler, einen Schriftsteller, an einem Frühlingstag im Gastgarten des Café Wortner in Wien/Wieden sitzen und auf das dem Café gegenüber liegende Theater blicken. Als er hört, dass am Nachbartisch eine junge Frau den Satz "Und du bist sicher (...), dass du die Katze nicht mit zurück nach Finnland nehmen willst?" in ihr Mobiltelefon spricht, dann ahnt er in diesem Moment, dass es genau diese Katze sein wird, Satus Katze, die zwischen diesen beiden und einigen weiteren Lebensgeschichten Zusammenhänge herstellen wird.

Für jene Mehrheit von uns, die wir der finnischen Sprache nicht einmal ansatzweise mächtig sind, lohnt sich, bevor wir den Zusammenhängen nachspüren, ein Blick in ein entsprechendes Wörterbuch (Finnisch/Deutsch), um diesem zu entnehmen, dass das Wort "Satu" sowohl ein "Märchen" oder eine "Fabel" sowie eine "unglaubliche Geschichte" bezeichnet. Und eine solche unglaubliche Story entfaltet Constantin Göttfert, der als Student einige Monate lang im Rahmen des Erasmus-Programms im Norden Finnlands gelebt hat, für die geneigten Leserinnen und Leser.

Die Katze steht im Mittelpunkt des Theaterstücks "Satus Katze", das gerade in der Freien Bühne aufgeführt wird, die junge Frau am Nebentisch im Gastgarten des Café Wortner, Nora, ist Schauspielerin, spielt in der Inszenierung mit und verkörpert Satu, die männliche Hauptrolle. "Ich halte euch Katzenmänner nicht aus", sagt sie zum Ich-Erzähler, als sie ihn schließlich in ihre Wohnung mitnimmt. Der stellt allerdings fest, dass er diese Tiere eigentlich hasst.

Das Manuskript für das Theaterstück stammt von dem Finnen Satu Keinänen. Der wiederum hat eine Cousine, die in Wien lebt und für das Theater arbeitet. Auf diesem Weg ist das Manuskript in Wien gelandet, gelangt. Keinänen schildert in dem Stück die Einweisung seiner Mutter in die Psychiatrie und den Tod des Vaters. Der Text ist offensichtlich autobiographisch.

Der Schriftsteller und Ich-Erzähler kennt den Text von Satu Keinänen. Kennen gelernt hat er die Geschichte während eines Stipendienaufenthalts in der finnischen Stadt Oulu, durch die Germanistin Dr. Karjalainen, die zu seiner ersten Lesung in Oulu gekommen ist. Mit feiner Ironie schildert Constantin Göttfert dabei eine Szenerie schlecht besuchter Lesungen, bei denen Autoren, die nur wenige Bücher verkaufen, auftreten. Karjaleinen nutzt jenen Moment, in dem der Autor nach der Lesung eigentlich einen Annäherungsversuch der Wissenschafterin erkennen will, um ihm Satu Keinänens Manuskript in die Hand zu drücken. Sie legt ihm dringend nahe, es zu lesen. Constantin Göttfert führt dieses Manuskript dann gewissermaßen als „Roman im Roman“ ein. Der Text ist durch Kursivdruck hervorgehoben.

Der österreichische Schriftsteller und die finnische Germanistin Dr. Karjalainen verbringen später gemeinsam eine Nacht in einer Holzhütte im Wald auf der Insel Hailuoto, wo Satu Keinänen aufgewachsen ist. Spätestens dann weht nach meinem Empfinden „ein Hauch von Kaurismäki-Atmosphäre“ durch den Roman, wenn ich das einmal so formulieren darf. Den filmischen Arbeiten des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki wird sehr oft ein lakonischer, skurriler, sparsamer Stil zugeschrieben. In einem ähnlichen Stil lässt Constantin Göttfert meiner Ansicht nach sehr gekonnt auch sein Romanpersonal agieren. Mit einfachen Gesten, ohne große Erläuterung.

Denn Dr. Karjalainen ist auch mit Satu schon in der Holzhütte gewesen, und nicht nur, um zu diskutieren. Das erfährt der Schriftsteller aber erst viel später, als Dr. Karjalainens Ehemann die Szenerie betritt. In der erwähnten Hütte gibt es nur ein Bett und wenn der Schriftsteller dortselbst trotz der Tatsache, dass er die Germanistin für keine ausgemacht schöne Frau hält, eine "Erregung" zu spüren beginnt und dieselbe "gegen ihre Oberschenkel" drückt, dann wäre das in dem Script zu einem Film genau jener Moment, in dem sich die handelnden Personen zu duzen beginnen. Im Falle des Schriftstellers ist das nicht so. Er spricht weiterhin von "Dr. Karjalainen". Und so darf man wohl jene Szene, in der Constantin Göttfert schildert, was passiert, als die Germanistin eine Dose Thunfisch ins Bett geholt hat, als den Ausdruck größter Intimität zwischen den beiden verstehen: "Wir fütterten einander gegenseitig mit dem rostigen Löffel. Das Fleisch war eiskalt. Ich wischte Fischöl von ihrer Wange".

Und selbst als die beiden nackt in der Sauna der Hütte sitzen, bleibt man per Sie. Und wieder kommen Katzen ins Spiel. Der junge Österreicher erzählt davon, dass er eine kleine schwarze Katze aus dem Müllcontainer, der dem Studentenheim in Oulu gegenüberliegt, gerettet und sie Louhi genannt habe. Und dieser Name verweist auf weitere Zusammenhänge. In der finnischen Mythologie ist die Hexe „Louhi“, eine Figur aus dem Nationalepos „Kalevala“, die Herrscherin des Nordlandes Pohjola. „Kalevala“ ist das von dem Schriftsteller und Philologen Elias Lönnrot in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffene Nationalepos der Finnen. Lönnrot zeichnete die mündlich überlieferte finnische Volksdichtung auf. Die Bedeutung des „Kalevala“ für das Nationalbewusstsein der Finnen und für die Entwicklung der finnischen Sprache ist groß. Es ist auch eine wichtige Inspirationsquelle für den Roman von Constantin Göttfert, der nach zwei Bänden mit Erzählungen nun mit dem Roman „Satus Katze“ zeige, „dass er auch die lange Form beherrscht“, notierte Fabian Tomas bei literaturkritik.de. „Mehr noch“, Göttferts Roman sei „ein Meisterwerk filigraner Erzählkunst“.

Abschließend erlaube ich mir deshalb, ein wenig die Pose der Germanistin Dr. Karjalainen einzunehmen und Ihnen dringend, nahe zu legen, Constantin Göttferts Roman zu lesen. Oder zu hören. Der Autor wird aus dem Buch am Dienstag, dem 4. Dezember, im Klagenfurter Musil Museum lesen. Im Anschluss an die Lesung führt Arno Rußegger vom Institut für Germanistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt ein Gespräch mit dem Autor.

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 135/136, Dezember 2012/Jänner 2013 ]

 

5.12.12 18:00

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