[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kärnten.kunst.kultur, Nr. 117/118, Juni/Juli 2011, S. 99/100 ]
Mit einer fulminanten „Antrittslesung“ im Musil Haus eroberte der neue Klagenfurter Stadtschreiber Peter Wawerzinek Anfang Mai die Herzen seiner Stadtleute im Sturm. Wieder einmal muss man sagen, nachdem der aus Mecklenburg-Vorpommern stammende und in Berlin lebende Schriftsteller im Jahr 2010 in Klagenfurt nicht nur den Ingeborg-Bachmann-Preis, sondern auch den Publikumspreis gewonnen hatte. Er habe „mit Österreich immer gute Erfahrungen gemacht“, so Wawerzinek in einem Interview mit Kleine.tv. 2007 war er „Seeschreiber“ am Wolfgangsee. Und schließlich war der Schriftsteller schon bei seinem ersten Antreten in Klagenfurt im Jahr 1991 erfolgreich gewesen. Er gewann damals das Bertelsmann-Stipendium. Darf man sich Peter Wawerzineks schriftstellerische Karriere gleichsam als eine Kette von Erfolgen vorstellen? Denn Wawerzinek war ja Anfang der neunziger Jahre, damals „ScHappy“ genannt, längst integraler Bestandteil der Literatenszene am Prenzlauer Berg in Berlin-Ost, Performance-Künstler und Stegreif-Poet von hohen Gnaden. Kurz und gut: man darf es nicht.
„Ein Schriftsteller, der von Triumph zu Triumph forttaumelte, wäre eine zutiefst alberne Figur“, stellte die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff in ihrer „Klagenfurter Rede zur Literatur“ anlässlich der Eröffnung der 34. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt im Jahr 2010 fest. Von Peter Wawerzinek, der wenige Tage später triumphierte und für seinen Romanauszug „Ich finde dich/Rabenliebe“ mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wieder nach Berlin reiste, lässt sich vieles, aber genau das mit Sicherheit nicht behaupten. Richard Kämmerlings variierte die These von Sibylle Lewitscharoff in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (vom 27. Juni 2010) nur unwesentlich:„Gute Prosa entsteht aus Niederlagen, und es gibt noch Gerechtigkeit“, so seine abschließende Betrachtung über den Klagenfurter „Bewerb“ des Jahres 2010. Und Kämmerlings weiter: „Wenn der beste Text den Hauptpreis kriegt, hat die Jury das Wichtigste richtig gemacht.“ Jury und Publikum waren sich, wie man weiß, ja einig.
Ich finde dich. Es verhielt sich so, dass er sich an diesen Erfolg erst gewöhnen musste:
„Ich stand ja bislang eher außerhalb“, so der Preisträger in einem Interview mit der Tageszeitung Märkische Allgemeine (vom 21. August 2010).
Glücklicherweise ist Wawerzineks zwischenzeitlicher Versuch, „von der Literatur wegzukommen (...) auf dem Land, in Schleswig-Holstein, Fuß zu fassen, ein Häuschen zu haben mit Schafzucht oder so“, gescheitert. Nach einiger Zeit habe er gemerkt, so der Autor, dass ihm etwas fehle. Obwohl er im Jahr 2000 eigentlich das Gefühl gehabt hatte, dass es für ein Kind „seines Standes – Heimkind, keine Ausbildung, Autodiakt“ eigentlich „okay“ sei, was er bis zu diesem Zeitpunkt schon erreicht hatte: „Bücher gemacht zu haben, Hörspiele, auch in Klagenfurt schon früher gewesen zu sein, im Spiegel drei Seiten gehabt zu haben, in Talkshows gesessen, mal eine Band gegründet oder Theaterarbeit bei Castorf gemacht zu haben.“ Sehr stark sei damals ein weiteres, seltsames Gefühl gewesen, nämlich jenes, dass er sein „schriftstellerisches Vermögen“ bereits „verballert“ habe.
Lebensthema. Dieses Gefühl trog. Um seinen 50. Geburtstag, im Jahr 2004, ging Peter Wawerzinek, der sich schon in früheren Texten mit seiner Geschichte als Heimkind und mit der Thematik der Adoption auseinandergesetzt hatte, schließlich daran genauere Nachforschungen darüber zu betreiben, die Mutter als Figur nicht mehr auszusparen, sondern sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass sie lebte und die Möglichkeit eines Wiedersehens ins Auge zu fassen. Warum war das so lange nicht möglich gewesen? Weil die Mutter das Kleinkind Peter und dessen Schwester bei der Flucht aus der DDR in den Westen allein zurückgelassen hatte.
Anfänglich hatte Peter Wawerzinek die Methode der Umschreibung gewählt, erst nach zirka drei Jahren Arbeit an seinem „Lebensthema“ wurde dem Autor klar, dass es in diesem neuen Buch „das große, knallharte Ich sein muss“, um das es geht. Ausweichen, sich selber oder der Mutter, war nun nicht mehr möglich. Die Arbeit an dem Roman, der schließlich im Jahr 2010 unter dem Titel „Rabenliebe“ im Berliner Galiani Verlag publiziert wurde, sei für ihn, so der Autor, letztlich „wie eine verspätet stattfindende Pubertät, in der man rückhaltlos aufklären will“ gewesen. Er habe „die Konfrontation gesucht“ und versucht, sich selber zu orten, zu beschreiben wie er gewesen sei, wie er gedacht habe, als Vierjähriger, das ist jener Zeitpunkt, an dem für ihn die Erinnerung beginnt, und später.
Peter Wawerzinek hat dem Buch einen ganz zentralen Gedanken vorangestellt, der da lautet: „Ich habe gedacht, wenn ich mich schreibend verschenke, entfliehe ich dem Teufelskreis der Erinnerung. Schreibend bin ich tiefer ins Erinnern hineingeraten, als mir lieb ist.“
„Rabenliebe“ behandelt eine sehr ernste Problematik, von der die Leserinnen und Leser sehr berührt sind. Aber der Performer Wawerzinek versteht es sogar, dieser sehr traurigen Geschichte ihre heiteren Seiten abzugewinnen. Wenn er, wie er das im Musil Haus gemacht hat, Szenen wie jene, in der der noch sehr junge Peter von der verehrten Roswitha in einem Park, auf eine zugegebenermaßen eher ungestüme Art, einen Kuss zu erhaschen versucht, liest, eher darstellt, dann kann das Publikum auch schon einmal befreit auflachen, ohne dass die Ernsthaftigkeit seines schriftstellerischen Unterfangens darunter litte.
Kottan ermittel. Wawerzineks Plan für die Stadtschreiberzeit in Klagenfurt, die bis Ende September dauern wird, ist eine durchaus aktive Auseinandersetzung mit der Stadt und mit dem Land. Diese wird nicht zuletzt in dem Buch „Crashkurs Kärnten“ münden, an dem Wawerzinek gemeinsam mit Karsten Krampitz, seinem Vorgänger in der Position des Stadtschreibers, arbeitet. Erscheinen wird das Buch bei der Edition Meerauge im Heyn-Verlag.
Über Peter Wawerzinek, nach seiner Eigendefinition ein stets "quicklebendiger Bursche", ließen sich überhaupt viele Geschichten erzählen, "wilde, feuchtfröhliche", mit denen er sich gar nicht mehr auseinandersetzen wolle, so der Autor, Geschichten von Chinaböllern auf der Leipziger Buchmesse beispielsweise oder auch jene, eher unspektakuläre aber nicht untypische von den Regentagen am Wolfgangsee, an denen er sich Videos von allen neunzehn Folgen der Krimiserie "Kottan ermittelt" angesehen habe. Aber wahrscheinlich hat er überhaupt keine Lust darauf, dass, wie der Berliner sagt, so „olle Kamellen“ über ihn aus anderen Quellen in Umlauf kommen, denn schließlich ist er ja in der Stadt um selber Geschichten zu erzahlen. Also, bitteschön, dann soll er mal machen!