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Ohrenberg oder der Weg dorthin...

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 127/128, April/Mai 12 ]

Steffen Popp habe „ein maßloses Jahr hinter sich“, hieß es in der Ankündigung von Popps Lesung beim Hamburger Literaturfestival HAM.LIT im Februar dieses Jahres. 2011 erhielt der Schriftsteller gleich drei renommierte Preise für Werke, die er in drei verschiedene Literaturgattungen publiziert hat: den KELAG-Preis für seine Prosa bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur, den Preis der Stadt Münster für seine Übersetzungen internationaler Poesie sowie den Leonce-und-Lena-Preis für seine Lyrik. Damit ist auch schon die Vielseitigkeit angesprochen, die diesen Autor auszeichnet.

Die Gedichte, welche der in Greifswald geborene und in Dresden aufgewachsene Steffen Popp in seinem ersten Gedichtband „Wie die Alpen“ (kookbooks, 2001) publizierte, weckten, so sein Lyrikerkollege Hendrik Jackson in einer Rezension für Lyrikkritik.de, zwar nicht den „Eindruck großer Austariertheit“, sie seien aber höchst „komprimiert“ und man fände auf den Seiten des bibliophil gestalteten Gedichtbandes „fast genialisch anmutende Zeilenperlen von E.T.A.Hoffmanscher herzbetäubter Verstiegenheit“ wie zum Beispiel: „am Fenster der grauen Kaschemme/ rollte das trunkene Auge des Heimleiters.” Gleichzeitig kommt Jackson aber auch auf die Exaktheit, die in den Texten waltet, zu sprechen. Welch großen Respekt der Rezensent Jackson diesen Arbeiten zollt, das ist schon daran zu erkennen, dass er seine Besprechung als einen „Aufruf zu einer neuen Lyrik (angesichts eines Debütbandes von Steffen Popp)“ betitelte.

Die Berliner Literaturkritikerin Sibylle Cramer attestierte den in Münster mit dem Leonce-und-Lena Preis ausgezeichneten Gedichten einem „Reifezustand“, den nur wenige der anderen Gedichte erreicht hätten. Der von Steffen Popp im März 2011 dort vorgetragene Zyklus „Bilder vom Leben am Meer“ mache deutlich, „dass Landschaft ein Kontemplationsthema geblieben ist“, wurde Cramer, Jurorin beim Leonce-und-Lena-Preis, in der Online-Ausgabe der Zeitung „Darmstädter Echo“ zitiert. Sibylle Cramer schwärmte geradezu von der in den lyrischen Arbeiten des Autors feststellbaren „Sensibilisierung für verschwundene Lebenswelten“.

Man findet diese Sensibilisierung aber nicht nur in den Gedichten und damit ist letztlich auch ein Bogen zu jenem Text, mit dem Steffen Popp 2011 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur erfolgreich war, geschlagen. Er trägt nämlich den Titel „Spur einer Dorfgeschichte" und stellt den Versuch dar, die Geschichte eines Dorfes in Thüringen, das von dem Trio Cordelia, Berthold und Dirk in einem alten Golf befahren wird, zu rekonstruieren. Der Autor unternehme mit seinem Text, war sich die Jury in Klagenfurt einig, den Versuch, der „literarischen Inventarisierung“ eines Dorfes, "um etwas zu sehen, zu durchdringen, du weißt nicht was", wie es im Text heißt. "Ungeheuer dicht" werde hier Ordnung hergestellt, "jeder Satz, jeder Gedanke sitzt", so die Bachmannpreis-Jurorin Meike Feßmann, die Steffen Popp nach Klagenfurt eingeladen hatte. Dass solche Texte auch eine „intensive Lektüre“ erfordern, ist nahe liegend.

„Herzbetäubt verstiegen“, könnte man die zitierte Formulierung nicht auch auf Steffen Popps Strategie, bei einem Wettbewerb, bei dem Autorinnen und Autoren sowie deren Verlage dazu tendieren, kurz vor der Veröffentlichung stehende Texte „ins Rennen zu schicken“ mit einer abgeschlossenen Geschichte anzutreten. Mit einer Geschichte, die so gesehen auch nicht kommerziell „verwertbar“ war?

Das sagt auch viel über die künstlerischen Ambitionen eines Autors, der die vielfachen Gestaltungsmöglichkeiten, die er bei seinem Verlag kookbooks hat, gut für sich zu nutzen weiß, aus. Der von Daniela Seel geleitete kookbooks Verlag ist ein unabhängiger, in Berlin beheimateter Verlag, der keinem der großen Konzerne angehört und sich großes Renommee erworben hat. Nicht zuletzt mit der Publikation von Steffen Popps, mehrfach ausgezeichnetem, Romandebüt „Ohrenberg oder der Weg dorthin“ (2006). Mit diesem Buch war Popp unter anderem auch für den Deutschen Buchpreis nominiert. In Klagenfurt hat er bereits im Jahr 2003 aus dem „Ohrenberg“-Manuskript gelesen – als Stipendiat des Klagenfurter Literaturkurses. Am 16. April liest der Autor im Musil Museum aus dem Manuskript zu seinem zweiten Roman.

 

11.4.12 12:13, kommentieren

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Das Zimmermädchen mit Tarnkappe

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 123/124, Dezember 11/Jänner 12 ]

Es ist der alte Traum der Menschheit von der Unsichtbarkeit, den der in Karlsruhe lebende Schriftsteller Markus Orths für seine Figur Simon Bloch Romanwirklichkeit werden lässt. Denn Bloch kann seinen Körper unsichtbar werden lassen. Das „Werkzeug“ dafür hat Bloch in seiner Wohnung gefunden: „Die Tarnkappe“. Das ist gleichzeitig auch der Titel von Orths zuletzt publiziertem Roman, der 2011 im Frankfurter Schöffling Verlag erschienen ist.

Die Vorstellung von einem magischen Gegenstand, der dem menschlichen Körper Unsichtbarkeit verleiht, findet sich schon in der griechischen Mythologie oder in der aus dem Mittelalter stammenden Nibelungensage. Ende des 19. Jahrhunderts publizierte der englische Autor H.G. Wells seinen Roman „Der Unsichtbare“ (The Invisible Man). Aber im Gegensatz zu Wells Hauptfigur, dem Wissenschaftler Griffin, der durch die Anwendung einer chemischen Formel unsichtbar wird und es dann bleibt, kann der verhinderte Filmkomponist Simon Bloch durch das Ablegen der Tarnkappe immer wieder sichtbar werden, obwohl das von Mal zu Mal schwieriger wird. Beide, Griffin wie Bloch, durchschreiten mit dem Tor zur Unsichtbarkeit gleichzeitig auch das Tor zu einer Macht, die von ihnen Besitz ergreift. Was Simon Bloch in Markus Orths Roman angeht, so trifft das ein, was die Romanfigur Bloch in einem Internet-Forum über Tarnkappen liest: „Wer die Kappe trage, werde sich verändern, und niemand könne der Kappe widerstehen, der Macht der Unsichtbarkeit“.

Nibelungen.Sage. Die Unsichtbarkeit ist gerade ihm verliehen worden, Simon Bloch, „dem unauffälligsten Menschen, der jeden Morgen seine Zeitung zusammenfaltete und zur Arbeit fuhr, wie Millionen andere auch“ und im Büro umgeben ist vom „Stakkato der Tastaturen“. Die Tarnkappe verleiht Bloch die Möglichkeit, „sich einen neuen Platz im Leben zu suchen“. Die Eindrücke überschwemmen den für die anderen Menschen unsichtbaren Bloch und er lässt sich mitreißen von deren Leben und meint schließlich, gleichsam die „Regie“ übernehmen und letztlich über Leben und Tod anderer Menschen bestimmen zu können, ja zu sollen. Bloch kann bald nicht mehr unterscheiden zwischen „kappenfreien Gedanken“ und anderen. „Was sind das für Mächte, die uns bedrängen?“, fragt sich Bloch, „die ihre Schatten über uns schütten? Die aus uns kommen, aber uns vorgaukeln, sie kämen von außerhalb?“ Aus der Kappe?

Wenn er sich die Tarnkappe überstreift, wird Simon Bloch zu einem ganz anderen Menschen. Markus Orths macht die Unsichtbarkeit in seinem Roman gleichsam körperlich fühlbar, wenn er in „Die Tarnkappe“ schreibt:  „Simon schien, als löse sich sein Körper auf, langsam, Stück für Stück, und dieses Verschwinden seiner selbst fiel nicht wie ein Schleier über ihn, sondern durchkroch seinen Körper von innen wie ein Wurm und sickerte zugleich von außen wie eine Flüssigkeit an ihm hinab, es verschwand zunächst seine Brust, und Simon sah, wie sein Bauch sich auflöste, seine Arme, seine Hände, Beine, Füße, solange sah er an sich herab, bis er vollständig bekleckert war von nichts“.

Der Autor versucht, auch der Frage auf den Grund zu gehen, was dann passiert, wenn sich der Körper gleichsam auflöst, wenn das Leben „übergeht“ in ein anderes, körperloses. Und so spielt auch der Tod eine große Rolle in dem Roman. Simon Bloch, der durch die Tarnkappe scheinbar an Macht gewinnt, weiß gleichzeitig nicht mehr genau, was denn sein „Standort“ im Leben sei, denn, „wenn dich niemand mehr sieht, wer bist du dann?“ Und so ist es kein Zufall, dass Markus Orths seinem Roman eine Sentenz des deutschen Lyrikers Max Sessner, abgewandelt, voranstellt. Bei Sessner heißt es: „Der Tod probiert schon mal meine Kleider an“. Auch bei Bloch schaut er schon zur Anprobe vorbei.

Körperlosigkeit. Und gleichzeitig ist die Vorstellung der Unsichtbarkeit, der „Körperlosigkeit“ in einer Gesellschaft wie jener der Gegenwart, die fast könnte man sagen „körperfixiert“ ist, eine ziemlich unerhörte. Der Weg zum Tod wird in derselben ja nicht als ein natürlicher Prozess gesehen, gleichsam vom Werden zum Vergehen, sondern man versucht, sich sozusagen hinter dem eigenen Körper zu verstecken, sich durch „Körperdesign“ dem Tod entgegenstellen zu wollen, gerade so als ob eine so genannte „Schönheitsoperation“ eine „Anprobe“ durch den Tod überflüssig machen würde, weil man durch sie das „wahre“ Alter des Menschen „verbergen“ könne.

Der neue Roman von Markus Orths ist gleichsam auch ein Essay über „das Verborgene“. „Irgendwo“ hat Bloch „einmal gelesen“, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Wahrheit, wenn man es aus dem Griechischen übersetzte, „Unverborgenheit“ laute. Man kann davon ausgehen, dass Bloch das Wort in dieser Verwendung bei dem Philosophen Martin Heidegger gelesen hat.

Bachmann.Preis. Markus Orths schließt damit thematisch auch an seinen Roman „Das Zimmermädchen“ (Schöffling, 2008) an, für den der Autor im Jahr 2008 bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt den Telekom-Austria-Preis erhalten hat. Das Programm „Bachmannpreis-goes-Europe“, die Übersetzung der Wettbewerbstexte in zahlreiche europäische Sprachen und damit das Vorhandensein von „Textproben“, hat  es mit sich gebracht, dass der Roman „Das Zimmermädchen“ im wahrsten Sinne des Wortes auch zu einer „Geschichte für Europa“ geworden ist. Das Buch ist in zehn Sprachen übersetzt worden.

Auch Lynn, das Zimmermädchen, dringt in das Leben anderer Menschen ein, in jenes der Hotelgäste, für die sie aber ebenfalls mehr oder weniger „unsichtbar“ bleibt, weil sie sich zeitweise unter den  Betten der Gäste aufhält. Und man denkt sich nachträglich, dass auch die Figur der Lynn jener Versuchung, die das Tragen einer Tarnkappe bedeutet, wohl nicht hätte widerstehen können. Lynn stellt genau das fest, was auch Bloch erkennen kann: „So sieht Leben aus“, ungeschönt, keinem Design unterzogen, mit allem Schrecken, mit aller Verletzbarkeit, mit allem Banalen, welches Leben enthalten kann, wenn man es aus der Position eines Unsichtbaren betrachten kann. Und könnte der oder die „Unsichtbare“ nicht auch, ganz zeitgemäß, ein vor seinem oder ihrem Bildschirm sitzende/r Betrachter/in sein? Wären, so gesehen, nicht sehr viele von uns eigentlich „unsichtbar“ und die Bildschirme unsere „Tarnkappen“? Und wären wir dann nicht auch, sobald unsere Computer hochgefahren sind, „vollständig bekleckert von nichts“ und wir darin völlig verschwunden?

»Markus Orths (gelingt) etwas, das viele Autoren vergeblich versuchen“, schreibt Katharina Peralta in der Zeitschrift „Am Erker“, und ich stimme mit ihr vollständig überein: „Die Tarnkppe ist ein Buch, dessen Wirkung auch noch lange nach der Lektüre anhält“.

 

1 Kommentar 7.12.11 12:45, kommentieren

Randnotiz zum Kottbusser Tor

Frank Klötgen und KollegInnen faszinierten das Publkum bei "Slam, if you can @Klagenfurt" im Musil Museum.

Zu Klötgens Text "Kottbusser Tor" fiel mir noch folgendes ein:

Wer je mit der U8 vom Alex kommend südwärts strebte und dort Station gemacht, wird glücklich sich schätzen, dem nahen Würgeengel nicht entronnen zu sein.

 

5.11.11 09:38, kommentieren

Der Wörthersee blüht grün

"Und der Wörthersee blüht grün", das schrieb mir die junge Schriftstellerin Judith Keller, die im Jahr 2009 als Stipendiatin des 13. Klagenfurter Literaturkurses in der Stadt war, in einer e-mail nach der Veranstaltung. Wunderbar, dachte ich mir. Es ist ein ganzes Ensemble an Grüntönen, welches den Wörthersee im Frühjahr, im Sommer und im Herbst ausmacht. Das hat sie exakt beobachtet und sehr poetisch  formuliert. Ich fragte Judith gleich, ob ich mir diesen Satz ausborgen dürfe. Einen besseren Titel für meinen geplanten Beitrag für den Sammelband MEIN SEE gab es gar nicht. Ich durfte!

Gabi Russwurm-Biro, die Herausgeberin, hatte mich, nach meinem Beitrag für das "Kaffehausbuch" (MEIN CAFE, Klagenfurt: Hermagoras/Mohorjeva, 2008), wie es vielfach genannt wird, nun auch dazu eingeladen, gleichsam als ein Dreiunddreißigstel aller AutorInnen, an einem Band mitzuwirken, den man bei uns zukünftig und der Einfachheit halber vielleicht "das Seebuch" nennen wird. 

Darstellen zu dürfen, wie man hierzustadt, in K., mit "dem See" lebt, was für eine Freude! Und Gabi Ruswurm-Biro war auch damit einverstanden, dass ich mich mit jenem Seestück zwischen Maiernigg und Maria Loretto, für das ich mich kompetent fühle, auseinander setzen wollte.

Die zentrale These für meinen Beitrag - und damit gleichzeitig den Schluß - hatte ich gleich am Anfang formuliert: "In meiner Vorstellung ist das Paradies einer Strandbar ähnlich." Wenn es ein Paradies gibt, gehen wir einmal davon aus, dann wird dort bei sommerlich warmen Temperaturen Apérol Sprizz serviert. Zu einem vernünftigen Preis. So zumindest sähe MEIN PARADIES aus.

Völlig eigenständig arbeitete der Bildkünstler Johannes Puch an seinen
fotografischen Beiträgen für den Sammelband, der  inzwischen bei DRAVA erschienen ist. Deshalb haftet seinen Fotos auch nichts Illustratives an. Ausgewählte Fotos sind bis Ende Jänner 2012 im Musil Museum in Klagenfurt zu sehen.

DRAVA-Verleger Peter Wieser meinte bei der Buchpräsentation, es wäre schon, wenn der Titel des Sammelbandes MEIN SEE / MOJ JEZERO wäre. Für diesen Plan hat er meine uneingeschränkte Unterstützung. Das sollte Wieser, denke ich, gleich für die zweite Auflage vorsehen.

 

1 Kommentar 22.10.11 00:25, kommentieren

Mein Herz kann allein zu aller Zeit bestehen, weil die Natur es aus Dynamit gemacht hat

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 119/120, August/September 2011. ]

KELAGerlesen bringt Rabea Edel wieder nach Klagenfurt

Gleich zwei internationale Regiegrößen dienen Tobias Becker bei der Besprechung von Rabea Edels neuem Roman „Ein dunkler Moment“ auf SPIEGEL Online als Bezugspunkte. Ein in dem Roman vorkommender Fuchs lässt den Rezensenten an den Fuchs in Lars von Triers jüngstem Film „Antichrist“ denken. Aber eigentlich erinnere Edels Roman insgesamt „an eines der verstörenden Filmrätsel von David Lynch“.

Das Buch der jungen deutschen Autorin, welches im Luchterhand Literaturverlag erschienen ist, führe „in das Herz der Finsternis menschlicher Obsessionen, hinein in die Faszination des Tötens und des Todes. Und dies in einer klaren, hypnotischen Prosa, die den Leser von der ersten bis zur letzten Seite in Spannung versetzt“, so die Rezensionsnotiz in der Frankfurter Rundschau.

Bei so vielen Bezügen zum Medium Film verwundert es nicht, dass das Erscheinen des Romans auch mit einem aufwendig gestalteten Video angekündigt worden ist. Man findet es unter dem Titel „Ein dunkler Moment – Rabea Edel – Buchtrailer“ bei YOUTUBE sowie bei Randomhouse.de. Auf der Website Zehnseiten.de wird zudem noch ein Video mit einer Lesung der Autorin aus dem neuen Roman präsentiert.

„Mein Herz kann allein zu aller Zeit bestehen, weil die Natur es aus Dynamit gemacht hat“

Der „Plot“ des Romans lässt sich folgendermaßen andeuten: Es ist der 5. April 1998: In einer amerikanischen Kleinstadt tötet ein Jugendlicher namens Billy seine Eltern und seine jüngere Schwester mit einem Baseballschläger und ruft danach die Polizei. Seine ältere Schwester Amanda verbringt die Nacht in den Feldern vor der Stadt. Erst als alles vorbei ist, kommt sie nach Hause zurück. „Beide Geschwister stehen dem Tod ihrer Angehörigen völlig gleichgültig gegenüber, überhaupt sind sie wortkarg und verschlossen. Zwischen ihnen besteht ein seltsames Einverständnis, bei der Beerdigung wechseln sie einen vielsagenden Blick, später folgen Karten aus dem Gefängnis - zu jedem Jahrestag am 5. April“ , notiert Alexander Kosenina in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (vom 19. Mai 2011) über das Verhältnis der Geschwister. In einer Vorstufe zu dem Roman, in „Amandas Notizbuch. 1995-1998“, das in der BRÜCKE erstmals abgedruckt wird, heißt es: „Die beste Eigenschaft meiner Vorfahren ist es, tot zu sein“.

Es ist der 5. April 2009: In einem Vorort von Rom wird einer jungen Frau, Amanda, die Kehle durchtrennt. Die Autorin beschreibt diese Szene aus der Perspektive des Opfers, dessen Stimme präsent bleibt: „Du wirst sie mögen, Billy, sie wird alles anders machen als ich: Sie wird Dir schreiben und sie wird dich besuchen, ich habe ihr ein Flugticket gekauft“.

Die Mörderin Lucia Mara tauscht mit ihrem Opfer, dem sie zum Verwechseln ähnlich sieht, die Kleider und begibt sich auf eine mehrere Tage dauernde Odyssee durch die Stadt. Durch Zufall kreuzt sich ihr Weg mit dem des Pathologen Andrea Landolfi, der mit der Obduktion der ermordeten Römerin beauftragt worden ist. Während sich die Täterin einige Tage später ebenfalls der Polizei stellt, findet Landolfi Hinweise auf die Kindheit der Mörderin und auf die Ereignisse in der Nacht des 5. April 1998 … Zwei der Fragen, die sich ergeben, sind: Wer ist Amanda wirklich? Und wer die Tote?

„Wie alt bist du, fragte die Königin den Teufel mit zärtlicher Stimme. 8000 Jahre alt. Es beginnt immer alles von vorn.“

Wo die Autorin mit ihrer Geschichte in der Realität „andockt“, gibt sie durch die Verwendung des Vornamens Amanda und durch folgendes Zitat zu erkennen: „Die einzige Wahrheit ist, dass ich mir der Wahrheit nicht sicher bin. Ich war nicht dort“. Es wird Amanda Knox zugeschrieben. Im Dezember 2009 hatte ein italienisches Schwurgericht die US-Amerikanerin für schuldig befunden, gemeinsam mit ihrem Freund und einem Drogendealer Meredith Kercher, Mitbewohnerin, Studentin aus Großbritannien, ermordet zu haben. Knox wurde zu 26 Jahren Haft verurteilt. Im November 2007 wurde die damals 21-jährige Kercher in einem Haus am Rande der Altstadt von Perugia, welches Kercher mit Amanda Knox und zwei anderen Frauen teilte, tot aufgefunden. Das Opfer lag mit aufgeschlitzter Kehle halbnackt in einer Blutlache. Der Körper wies zahlreiche, durch Messerstiche beigebrachte, Wunden auf. Eindeutige Beweise für die Schuld der Verdächtigen konnten aber nicht vorgelegt werden. Auch ein klares Motiv für die Tat wurde nicht ermittelt. Die Angeklagten hatten sich während des Verfahrens in zahlreiche Widersprüche verwickelt. In Summe sind bei diesem Gerichtsverfahren aber noch viele Fragen offen geblieben.

Eine weitere Frage ist folgende: Wer ist die Autorin, welche sich um dieses Thema kümmert? Sie ist noch nicht dreißig, sorgt aber wie SPIEGEL-Rezensent Becker richtig bemerkt „schon seit Jahren für Aufsehen auf dem Literaturmarkt“.

Die geborene Cuxhavenerin Rabea Edel arbeitet nach ihrem Studium der Italianistik und Germanistik schon eine Zeitlang als freie Autorin und Übersetzerin in Berlin. Dem Publikum hierzulande hat sie sich bereits im Jahr 2003 präsentiert, als Stipendiatin des Siebenten Klagenfurter Literaturkurses. Sie war so gesehen eine „Jahrgangskollegin“ von Steffen Popp, der 2011 in Klagenfurt bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur den KELAG-Preis erhalten hat.

Aber es mangelt auch Rabea Edel selbst nicht an Auszeichnungen. Im Jahr nach dem Literaturkurs war sie Preisträgerin des „Open Mike“-Wettbewerbs der Berliner Literaturwerkstatt. Wie für zahlreiche andere AutorInnen stellten beide Formen der literarischen Anerkennung, in Klagenfurt und in Berlin, auch für Rabea Edle eine ideale Startvoraussetzung für die schriftstellerische Karriere dar. Der erfolgreiche Start gelang ihr im Jahr 2006 mit dem Roman „Das Wasser, in dem wir schlafen“ (Luchterhand Literaturverlag). Auf Vorschlag der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller bekam die junge Schriftstellerin noch im gleichen Jahr den Kunstpreis Berlin-Brandenburg. In Herta Müllers Jurybegründung heißt es: „Rabea Edel beschreibt in immer wieder überraschenden Bildern das Entgleisen der Gefühle. Durch verblüffende Dialoge und Porträts gelingt ihr ein Roman über das zerstörerische Manöver der Abhängigkeit, über die Abhärtung gegen das Glück“. So verwundert es nicht, dass die Autorin einige Zeit später für den gleichen Text auch den „Nicolas-Born-Förderpreis“ erhielt.

2006 war auch das Jahr, in dem Rabea Edel mit einem Zitat bei den „Wortbildern“ im Rahmen des von Gerhild Tschachler-Nagy initiierten Kunstprojekts „Solysombra“ vertreten war. Die entsprechenden Textausschnitte von Rabea Edel und 13 weiteren Stipendiatinnen und Stipendiaten des Klagenfurter Literaturkurses waren auf Leintücher gedruckt und so gleichsam „überdimensional“ im öffentlichen Raum vorhanden – und wurden von einem interessierten Publikum gelesen.

Wie auch jetzt die Bücher der Autorin Rabea Edel, die am 20. September ins Musil Haus zurückkehrt, um ihren zweiten Roman vorzustellen.

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Tobias BECKER: Romanrätsel "Ein dunkler Moment". Ein Mordsbuch. SPIEGEL online, 18. April 2011.

 

Ein dunkler Moment – Rabea Edel – Buchtrailer.

 

Rabea Edel
liest aus „Ein dunkler Moment“.

 

Alexander KOSENINA: Ihr könnt Euch niemals sicher sein [ Rabea Edel: Ein dunkler Moment ]. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung (19. Mai 2011).

 

 

1 Kommentar 3.8.11 13:54, kommentieren

One Word Sculptures

Klickt man im Internet auf 1000plus.org, die website des Künstlerduos 1000& bestehend aus Irmgard Siepmann und Martin F. Hahnl, dann wird man unter anderem einen Satz des französischen Malers Jean François Millet finden. Millet galt im 19. Jahrhundert als einer der führenden Künstler der so genannten „Schule von Barbizon“, einer Gruppe französischer Landschaftsmaler. Der Satz lautet folgendermaßen:

„Jedes Thema ist gut. Es handelt sich nur darum, es mit Kraft und Klarheit wiederzugeben. In der Kunst muss man einen Hauptgedanken haben, diesen Gedanken muss man mit Beredsamkeit aussprechen, man muss selbst an seine Wahrheit glauben und diese Wahrheit den anderen mitteilen mit der Schärfe eines Prägstocks.“

Ich denke, dass sich 1000& bei ihrem Projekt der „One Word Sculptures“ an genau diesen Satz von Millet halten. Was den Titel des Projekts angeht, so ist er an die „One Minute Sculptures“, welche der international bedeutende österreichische Künstler Erwin Wurm seit dem Jahr 1997 entwickelt, angelehnt. Geht es Wurm unter anderem darum, die Grenzen zwischen Skulptur und Aktion zu verwischen und die Mitglieder des Publikums, die zu Akteuren werden, in seine Aktionen mit einzubeziehen, so versteht das Duo 1000& Wörter als zu untersuchende, respektive zu formende Objekte. Der Aspekt der Skulptur steht für die Künstler im Vordergrund.

„Unsere Arbeiten knüpfen an visuelle Erwartungen an und machen gesellschaftliche Sachverhalte sichtbar, entstellen sie sozusagen zur Kenntlichkeit“, heißt es im „Mission statement“ von 1000&. Und weiter: „In der heutigen Gesellschaft geht es darum schnell zu sein. Dabei verliert man sich oft in der Oberflächlichkeit. Das Künstler-Duo sucht den zweiten Blick.“

Bei diesen Untersuchungen sowie Formungen kommen 1000& zu ganz stringenten Ergebnissen. In dem Wort „abhanDENgeKommEN“ zum Beispiel spüren sie das „Denken“ auf. Es geht ihnen bei ihrer Arbeit gleichsam darum, „das Denken zu befreien“ wie sie selber sagen und auch darum, jeden selbst sein Bild finden zu lassen.

Und nicht nur auf den zweiten Blick scheint es manchmal so, als ob uns durch die stetig wachsende Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens das Denken, für das man ja bekanntlich Zeit braucht, abhanden kommt. 1000& formulieren ihre Gesellschaftskritik kurz und prägnant, wollen mit ihren Arbeiten, und das nicht erst seit den „One Word Sculptures“ ganz bewusst zum Denken anregen.

Die „One Word Sculptures“ werden über mehrere Medien verbreitet. Plakate mit einem ausgewählten Set von sieben Wortskulpturen (scHEITERn, LiEBE, böRse, HAIraten, REichTUM, scHmERZ, IndiviDUAList) waren in der Landeshauptstadt Klagenfurt im Vorfeld der 35. Tage der deutschsprachigen Literatur auf öffentlichen Plakatflächen zu sehen.

1000& haben aber auch ein ca. 10 Minuten dauerndes Video mit einem größeren Sample an Wortskulpturen produziert. Das Video ist im Robert-Musil-Literatur-Museum in Klagenfurt zu sehen.

Die beiden KünstlerInnen stellen sich sozusagen „quer“ zur gesellschaftlichen Entwicklung und sehen das zentrale, bestimmende Treibmittel unserer Gesellschaft, nämlich das „Geld“ unter anderem als „TraumGEbiLDe“. Und wenn sie das Wort „Aktie“ dem Wort „mAKkulaTurpapIEer“ einschreiben, dann erinnern sie uns daran, wie schnell A unter Umständen zu B werden kann.

Wie schon die Verwendung des Wortes „scHEITERn“ andeutet, wohnt dem Projekt einerseits etwas Schwebendes, Leichtes inne, auch eine gewisse Selbstironie: Wenn man schon scheitert, dann heiter, was im Grunde genommen den wenigsten gelingen wird. Andererseits ist die gesellschaftliche Relevanz unübersehbar.

In dem erwähnten Video ist auch eine Wortskulptur zur Thematik des Terrors enthalten: „tERROR“ heißt es da lapidar. Das ist eine gültige Erkenntnis, die der Realität sehr nahe kommt. Oder anders gesehen: eine Skulptur, die für jene Worte, welche uns angesichts der aktuellen Anschläge in Norwegen und anderswo fehlen, stehen könnte. Gleiches gilt für eine weitere Skulptur, die sich der Thematik der „spRACHE“ annimmt, wenn man bedenkt, dass der mutmaßliche Attentäter in Norwegen seine Taten, die am 22. Juli 2011 Realität werden sollten, unter Pseudonym in einer Art „Manifest“, das nicht weniger als 1.516 Seiten umfasst, und wenige Stunden vor den Terrorakten per e-mail an verschiedene Adressaten verschickt wurde, gleichsam „vorformuliert“ hat.

So können wir die Arbeit von 1000& nicht nur als Anregung, sondern vielmehr als dringende Aufforderung verstehen dafür zu sorgen, dass uns das DENKEN nicht abhandenkommt!

 


28.7.11 10:04, kommentieren

Ein Café in Kopenhagen, Hauptstadt Österreichs

Alle seine Projekte seien nichtkommerziell, sagte der georgische Schriftsteller Dato Barbakadse nach seiner Lesung im Klagenfurter Musil Museum. Barbakadse war nach Klagenfurt gekommen, um gemeinsam mit seiner slowenischen Kollegin Maja Vidmar die von Kulturkontakt Austria herausgegebene Anthologie "Grenzverkehr II" (DRAVA Verlag, 2010) vorzustellen. "Grenzverkehr II" versammelt 24 Texte von Autorinnen und Autoren aus 13 Ländern Ost- und Südosteuropas. Die Autoren haben zwischen 2005 und 2007 allesamt als "Milo-Dor-Stipendiaten" bis zu zwei Monate lang in Wien gelebt. Die Stipendien werden von Kulturkontakt Austria vergeben.

Barbakadses ursprünglicher Plan, deutschsprachige Lyrik in 80 Bänden herauszugeben, sei "gescheitert", so der Dichter. Aber sein Buchreihenprojekt "Österreichische Lyrik des 20. Jahrhunderts", das Barbakadse 2005 gestartet hat, ist nicht weniger ambitioniert. Das Projekt ist auf insgesamt dreißig Bände angelegt, von denen bisher zehn erschienen sind. Der Herausgeber plant, die wichtigsten österreichischen Dichter ins Georgische zu übersetzen bzw. übersetzen zu lassen und dem georgischen Publikum so zugänglich zu machen. Das ist ein ungemein wichtiges Projekt. Die Bücher erscheinen in verschiedenen Verlagen, bei Saari sowie bei Polylogi. Barbakadse verkauft diese Bücher nicht, sondern verteilt sie, weil er davon ausgeht, so für die Literatur die richtigen Adressaten und Adressatinnen zu finden. Das ist ganz wunderbar, nicht nur für die österreichische Lyrik.

Was war der Ausgangspunkt für diese so intensive Beschäftigung mit dem Werk österreichischer Dichterinnen und Dichter? Dato Barbakadse schilderte, wie er als junger Autor auf die Lyrik von Georg Trakl aufmerksam geworden sei. Trakls Lyrik habe ihn so stark beeinflusst, dass ihm klar geworden sei, er müsse nun "etwas unternehmen". So entstanden erste Übersetzungen ins Georgische, denen noch zahlreiche gefolgt sind. Das ist "Grenzverkehr" im besten Sinne.

In seinem Beitrag für die Anthologie, der von Benedikt Ledebur in Zusammenarbeit mit dem Autor übersetzt worden ist, spürt Barbakadse dem Begriff des Genius loci auf eine ironische, moderne Weise nach. In der ersten Strophe heisst es:

"in einem ärmlichen Café in Kopenhagen, Hauptstadt Österreichs

mit einigen gar nicht so schlechten Aussichten auf die Seine

beobachtete ich seinen Innenraum voller müder und ausgebrannter Leute"

Die sprechende Figur in Barbakadses Gedicht kommt mit einem anderen Besucher des Lokals, dessen Haupt ein, in Kopenhagen, Hauptstadt Österreichs, gerne getragener, grüner Zylinder schmückt, ins Gespräch. Geschrieben hat der Autor das Gedicht während seines Aufenthalts als Stipendiat in Wien im Herbst 2008. Diese Zeit habe zu zahlreichen neuen, für ihn sehr wertvollen, Kontakten geführt, so der Autor.

Auch Maja Vidmar strich im Gespräch mit DRAVA-Verleger Peter Wieser heraus, wie wichtig der einmonatige Aufenthalt in Wien für sie gewesen sei, weil sie sich ganz intensiv dem Lesen und dem Schreiben habe widmen können. Das habe sie, so Vidmar, als "großen Luxus" empfunden. In Wien sei der Großteil eines neuen Buches, das sie im kroatischen Pazin abschließen habe können, entstanden. Beide Orte kommen auch in ihrer Geschichte "Das Überschreiten (einer Grenze)", die in der Anthologie enthalten und von Fabjan Hafner ins Deutsche übersetzt worden ist, vor. Hafner hat darüber hinaus die beiden Bände Leibhaftige Gedichte (Droschl, 1999) und Gegenwart (Edition Korrespondenzen Reto Ziegler, 2007) ins Deutsche übertragen.

Ihr Leben, sagte Maja Vidmar, habe nach dem Aufenthalt in Wien überhaupt eine neue Wendung bekommen. 

Gerdi Obersteiner, der frühere Chef-Regisseur im ORF-Landesstudio Kärnten, hat den hochinteressanten Abend im Musil Museum, der von Brigitte Burgmann-Guldner (Kulturkontakt Austria) moderiert wurde, verdienstvollerweise mit der Kamera dokumentiert. Er stellt seine Videos als "Austrian Director" auf YOUTUBE.


 

1 Kommentar 16.6.11 06:44, kommentieren