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Bis Klagenfurt anruft

Unter dem Titel »Bis Klagenfurt anruft« berichtete die österreichische Schriftstellerin Cornelia Travnicek seit dem Jahr 2006 auf der website Literaturcafe.de aus dem Leben einer Jungautorin. Und schließlich trat ein, was in einer gewissen Hinsicht voraussehbar war: »Klagenfurt« rief tatsächlich an, besser gesagt, Michaela Monschein, die Bachmannpreis-Organisatorin, und Cornelia Travnicek gehörte zu den 14 Autorinnen und Autoren, die eingeladen waren, bei den 36. Tagen der deutschsprachigen Literatur 2012 zu lesen.

Chucks. Zu schreiben begonnen habe sie mit zwölf oder dreizehn Jahren „kurz nach der Entdeckung von ernsthafter Literatur“, notiert Travnicek, die 1987 in St. Pölten geboren wurde, in der ersten Folge ihrer Internet-Kolumne. Mit ernsthafter Literatur meint sie dabei Autoren wie Hermann Hesse oder Paul Celan. „Nicht lange, aber auch nicht kurze Zeit später“ habe sie erste Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften aufzuweisen gehabt und sei auch schon zu Lesungen eingeladen worden. Weiters berichtet die Autorin in ihrer ersten Kolumne davon, dass sie  sich „auch in den Sumpf der Internetforen geworfen“, den „Kampf mit den Verlagen“ aufgenommen habe und einer ersten Einzelveröffentlichung entgegensehe. Cornelia Travnicek versteht sich also als Mitglied einer neuen Generation von Autorinnen und Autoren, welche die sogenannten neuen sozialen Medien aktiv zur Kommunikation mit ihrer Leserschaft nutzt. Als Travnicek für 2006/2007 das Hans Weigel-Literaturstipendium des Landes Niederösterreich zuerkannt worden war, hatte sie das Gefühl in der Literaturszene „angekommen“ zu sein. 2006 belegte sie darüber hinaus beim „Wortlaut“-Literaturwettbewerb des Radiosenders FM4 den zweiten Platz. Aber nicht nur das Ankommen, sondern auch das Bleiben ist ihr wichtig. Denn sie „will lieber Fixstern als Komet sein“, erfährt man auf ihrer Autorenhomepage CorneliaTravnicek.com.

Converse. Wie sie dem Ziel, ein Fixstern der deutschsprachigen Literatur entscheidend näher gekommen ist, kann man, ebenfalls auf Literaturcafe.de, in einer zweiten Reihe, die den Titel »Bis Klagenfurt anruft. Reloaded« trägt, nachlesen. Eine Agentin der Literarischen Agentur Simon in Berlin, die sich im Jahr 2009 bei Cornelia Travnicek meldet und gerne mit ihr über ein Manuskript sprechen würde, spielt dabei eine wesentliche Rolle. Drei Jahre, viel Arbeit und einen Verlagswechsel später erscheint Cornelia Travniceks Romanmanuskript unter dem Titel „Chucks“  bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA), einem renommierten deutschen Verlag.

Basketballschuhe. In „Chucks“ erzählt die Autorin die Geschichte der Punkerin Mae. Nach dem Krebstod ihres Bruders ist Maes Familie zerbrochen. Sie hat sich die roten Chucks ihres Bruders angezogen und bei den Punks eine Art Ersatzfamilie gefunden. Mae lebt in den Straßen von Wien, von Dosenbier und von den Gesprächen mit ihrer Freundin über Metaphysik und noch viel kompliziertere Dinge. Als Mae im Haus der Aidshilfe als Ersatzstrafe für ein Delikt der Körperverletzung gemeinnützige Arbeit leisten muss, lernt sie Paul kennen und verliebt sich in ihn. Als bei Paul die Krankheit ausbricht, sammelt Mae seine Haare und Fußnägel wie Devotionalien, weil sie gegen sein Verschwinden ankämpfen möchte.

Chuck Taylor All Stars. Wenn er mit einer Figur der zeitgenössischen Literatur in einem Lift stecken bleiben möchte, dann mit Mae, notierte der Schriftsteller Clemens Setz, der 2011 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. „Ob ich heil aus dem Lift kommen würde, weiß ich nicht, aber das wär´s wert.“

Cornelia Travnicek ist in der Zwischenzeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. „Klagenfurt“ rief nicht nur an, die Autorin wurde genau dort im Jahr 2012 mit dem BKS-Publikumspreis ausgezeichnet. Damit verbunden ist das Stadtschreiber-Stipendium der Landeshauptstadt Klagenfurt. Als Nachfolgerin von Karsten Krampitz und Peter Wawerzinek gehört Travnicek gewissermaßen auch der neuen Generation von Stadtschreibern an. Nach einer fast fünfzehnjährigen Pause wurde das Stadtschreiber-Stipendium auf Initiative von Mag. Manuela Tertschnig, der Klagenfurter Kulturabteilungsleiterin und Organisatorin des Kulturraums Klagenfurt, im Jahr 2010 von der Landeshauptstadt fortgeführt. Anfang Mai wird Travnicek das Schriftstelleratelier im Klagenfurter Europahaus beziehen. Am Mittwoch, dem 8. Mai 2013 (mit Beginn um 19,30 Uhr) liest die neue Stadtschreiberin im Musil Haus im Rahmen der Reihe KELAGerlesen aus ihrem Roman „Chucks“.

[
Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 139/140, April/Mai 2013 ]

1 Kommentar 10.4.13 09:46, kommentieren

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Winterreise, radikal jung

Wenn man die Auswahl von Elfriede Jelineks Stück "Winterreise" durch Florian Scholz, den neuen Intendanten des Stadttheaters Klagenfurt, für die erste Saison 2012/2013 programmatisch versteht, dann dürfen wir in Klagenfurt auch weiterhin zeitgenössisches, zeitgemäßes, aktuelles, politisches Theater erwarten.

Genau dafür steht Jelineks Text. Und das ist wohl auch einer der Hauptgründe dafür, dass die von Presse und Publikum gefeierte Klagenfurter Inszensierung von Marco Štorman zum Festival "Radikal jung" eingeladen worden ist. Das Festival findet von 19. – 26. April 2013 im Münchner Volkstheater statt. Ursprünglich als einmalige Veranstaltung geplant, findet "Radikal jung" nach dem überraschenden Erfolg seit dem Jahr 2005 jährlich statt. Die Jury, welche 2013 insgesamt zehn Produktionen zur neunten Auflage des Festivals eingeladen hat, besteht aus dem Theaterkritiker C. Bernd Sucher, der Schauspielerin Annette Paulmann und aus Kilian Engels, dem Chefdramaturgen des Münchner Volkstheaters. Die Produktionen stammen aus Berlin, Bielefeld, Hamburg, Jena, Klagenfurt, Köln, Tel Aviv, München und Zürich. Neben Stücken von Maxim Gorki sowie Tennessee Williams sowie Elfriede Jelineks "Winterreise" stehen sieben Uraufführungen auf dem Programm.

"Radikal jung ist ein Festival für Regisseure, die noch nicht die Preisklasse für das Berliner Theatertreffen erreicht haben, aber trotzdem schon sehr erfolgreich arbeiten. Von Anfang an ist diese Plattform nicht nur von der Presse, sondern auch von anderen Theatern stark wahrgenommen worden. Eine Einladung wurde als Auszeichnung verstanden. Das Festival funktioniert auch als eine Art Messe, bei der Intendanten und Dramaturgen interessante junge Theatermacher einkaufen", präzisierte Jury-Mitglied Kilian Engels in einem Interview mit der Tageszeitung Donaukurier (vom 18. März 2013).

Ziel des Festivals ist es, "Perspektiven einer möglichen Theaterlandschaft von morgen" aufzuzeigen.


 

3.12.12 19:43, kommentieren

Satus Katze

Es wird euch nicht viel anders gehen als mir, wenn ihr die wunderbare Hörprobe von Constantin Göttferts Roman "Satus Katze" (C.H. Beck, 2011) auf der website des Verlags anklickt, das kann ich fast garantieren. Nach sechs Minuten und 42 Sekunden werdet auch ihr wissen wollen, wie die Geschichte weitergeht. Eine Leseprobe führt euch noch bis zur Seite 18, aber das reicht noch lange nicht.

Gleich im ersten Satz taucht in dem Roman das Abbild einer Katze auf: "Das Plakat der Freien Bühne zeigte eine häßliche schwarze Katze, deren Fell mehrere kahle Stellen aufwies." Constantin Göttfert läßt seinen Ich-Erzähler, einen Schriftsteller, an einem Frühlingstag im Gastgarten des Café Wortner in Wien/Wieden sitzen und auf das dem Café gegenüber liegende Theater blicken. Als er hört, dass am Nachbartisch eine junge Frau den Satz "Und du bist sicher (...), dass du die Katze nicht mit zurück nach Finnland nehmen willst?" in ihr Mobiltelefon spricht, dann ahnt er in diesem Moment, dass es genau diese Katze sein wird, Satus Katze, die zwischen diesen beiden und einigen weiteren Lebensgeschichten Zusammenhänge herstellen wird.

Für jene Mehrheit von uns, die wir der finnischen Sprache nicht einmal ansatzweise mächtig sind, lohnt sich, bevor wir den Zusammenhängen nachspüren, ein Blick in ein entsprechendes Wörterbuch (Finnisch/Deutsch), um diesem zu entnehmen, dass das Wort "Satu" sowohl ein "Märchen" oder eine "Fabel" sowie eine "unglaubliche Geschichte" bezeichnet. Und eine solche unglaubliche Story entfaltet Constantin Göttfert, der als Student einige Monate lang im Rahmen des Erasmus-Programms im Norden Finnlands gelebt hat, für die geneigten Leserinnen und Leser.

Die Katze steht im Mittelpunkt des Theaterstücks "Satus Katze", das gerade in der Freien Bühne aufgeführt wird, die junge Frau am Nebentisch im Gastgarten des Café Wortner, Nora, ist Schauspielerin, spielt in der Inszenierung mit und verkörpert Satu, die männliche Hauptrolle. "Ich halte euch Katzenmänner nicht aus", sagt sie zum Ich-Erzähler, als sie ihn schließlich in ihre Wohnung mitnimmt. Der stellt allerdings fest, dass er diese Tiere eigentlich hasst.

Das Manuskript für das Theaterstück stammt von dem Finnen Satu Keinänen. Der wiederum hat eine Cousine, die in Wien lebt und für das Theater arbeitet. Auf diesem Weg ist das Manuskript in Wien gelandet, gelangt. Keinänen schildert in dem Stück die Einweisung seiner Mutter in die Psychiatrie und den Tod des Vaters. Der Text ist offensichtlich autobiographisch.

Der Schriftsteller und Ich-Erzähler kennt den Text von Satu Keinänen. Kennen gelernt hat er die Geschichte während eines Stipendienaufenthalts in der finnischen Stadt Oulu, durch die Germanistin Dr. Karjalainen, die zu seiner ersten Lesung in Oulu gekommen ist. Mit feiner Ironie schildert Constantin Göttfert dabei eine Szenerie schlecht besuchter Lesungen, bei denen Autoren, die nur wenige Bücher verkaufen, auftreten. Karjaleinen nutzt jenen Moment, in dem der Autor nach der Lesung eigentlich einen Annäherungsversuch der Wissenschafterin erkennen will, um ihm Satu Keinänens Manuskript in die Hand zu drücken. Sie legt ihm dringend nahe, es zu lesen. Constantin Göttfert führt dieses Manuskript dann gewissermaßen als „Roman im Roman“ ein. Der Text ist durch Kursivdruck hervorgehoben.

Der österreichische Schriftsteller und die finnische Germanistin Dr. Karjalainen verbringen später gemeinsam eine Nacht in einer Holzhütte im Wald auf der Insel Hailuoto, wo Satu Keinänen aufgewachsen ist. Spätestens dann weht nach meinem Empfinden „ein Hauch von Kaurismäki-Atmosphäre“ durch den Roman, wenn ich das einmal so formulieren darf. Den filmischen Arbeiten des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki wird sehr oft ein lakonischer, skurriler, sparsamer Stil zugeschrieben. In einem ähnlichen Stil lässt Constantin Göttfert meiner Ansicht nach sehr gekonnt auch sein Romanpersonal agieren. Mit einfachen Gesten, ohne große Erläuterung.

Denn Dr. Karjalainen ist auch mit Satu schon in der Holzhütte gewesen, und nicht nur, um zu diskutieren. Das erfährt der Schriftsteller aber erst viel später, als Dr. Karjalainens Ehemann die Szenerie betritt. In der erwähnten Hütte gibt es nur ein Bett und wenn der Schriftsteller dortselbst trotz der Tatsache, dass er die Germanistin für keine ausgemacht schöne Frau hält, eine "Erregung" zu spüren beginnt und dieselbe "gegen ihre Oberschenkel" drückt, dann wäre das in dem Script zu einem Film genau jener Moment, in dem sich die handelnden Personen zu duzen beginnen. Im Falle des Schriftstellers ist das nicht so. Er spricht weiterhin von "Dr. Karjalainen". Und so darf man wohl jene Szene, in der Constantin Göttfert schildert, was passiert, als die Germanistin eine Dose Thunfisch ins Bett geholt hat, als den Ausdruck größter Intimität zwischen den beiden verstehen: "Wir fütterten einander gegenseitig mit dem rostigen Löffel. Das Fleisch war eiskalt. Ich wischte Fischöl von ihrer Wange".

Und selbst als die beiden nackt in der Sauna der Hütte sitzen, bleibt man per Sie. Und wieder kommen Katzen ins Spiel. Der junge Österreicher erzählt davon, dass er eine kleine schwarze Katze aus dem Müllcontainer, der dem Studentenheim in Oulu gegenüberliegt, gerettet und sie Louhi genannt habe. Und dieser Name verweist auf weitere Zusammenhänge. In der finnischen Mythologie ist die Hexe „Louhi“, eine Figur aus dem Nationalepos „Kalevala“, die Herrscherin des Nordlandes Pohjola. „Kalevala“ ist das von dem Schriftsteller und Philologen Elias Lönnrot in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts geschaffene Nationalepos der Finnen. Lönnrot zeichnete die mündlich überlieferte finnische Volksdichtung auf. Die Bedeutung des „Kalevala“ für das Nationalbewusstsein der Finnen und für die Entwicklung der finnischen Sprache ist groß. Es ist auch eine wichtige Inspirationsquelle für den Roman von Constantin Göttfert, der nach zwei Bänden mit Erzählungen nun mit dem Roman „Satus Katze“ zeige, „dass er auch die lange Form beherrscht“, notierte Fabian Tomas bei literaturkritik.de. „Mehr noch“, Göttferts Roman sei „ein Meisterwerk filigraner Erzählkunst“.

Abschließend erlaube ich mir deshalb, ein wenig die Pose der Germanistin Dr. Karjalainen einzunehmen und Ihnen dringend, nahe zu legen, Constantin Göttferts Roman zu lesen. Oder zu hören. Der Autor wird aus dem Buch am Dienstag, dem 4. Dezember, im Klagenfurter Musil Museum lesen. Im Anschluss an die Lesung führt Arno Rußegger vom Institut für Germanistik der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt ein Gespräch mit dem Autor.

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 135/136, Dezember 2012/Jänner 2013 ]

 

5.12.12 18:00, kommentieren

Eigentlich ist es ganz einfach: der ORF muss Social Media nützen dürfen

Warum es gerade den MitarbeiterInnen des ORF nicht möglich sein soll, im - nach meiner Zählung - 21. Jahrhundert mit dem Publikum über soziale Netzwerke zu kommunizieren, ist nicht nachvollziehbar.  Warum das ORF-Gesetz diesbezüglich nicht schon längst geändert worden ist, ebenfalls nicht! Je größer die Partei, desto größer erfahrungsgemäß der Stab an Medienexperten. Aber die arbeiten scheinbar noch an ihren Expertisen, denn die Debatte dauert nun schon relativ lange. Der Bundeskommunikationssenat hat dem ORF ja schon Anfang Mai per Bescheid untersagt, Facebook-Seiten bereitzustellen.

Wenn die Expertisen fertig sind, werden die Experten meiner Ansicht nach zu keinem anderen Ergebnis kommen als der Grüne Mediensprecher Dieter Brosz: "Der ORF muss Social Media nützen dürfen. Kein öffentlich-rechtlicher Sender in Europa wird auf Dauer ohne eine Anbindung an gesellschaftliche und technische Entwicklungen überleben können".


15.11.12 11:42, kommentieren

wARuM – leicht und schwer gleichzeitig

Eine der zentralen Botschaften der aktuellen Ausstellung von Irmgard Siepmann und Martin F. Hahnl, deren Titel – wenn man schnell darüber lesen würde – „wARuM“ lauten könnte, wendet sich in mehrfacher Hinsicht nach außen.

Irmgard Siepmann und Martin F. Hahnl, die das Künstlerduo 1000& bilden, nutzten eigentlich schon die Einladungen zu diesem außergewöhnlichen Projekt, um eines ihrer Anliegen zu transportieren. Sie tun dies vom 3. bis zum 18. September 2012 gleichermaßen mit dem „Schaufenster“ der Galerie der Berufsvereinigung der Bildenden KünstlerInnen in Klagenfurt.

Wer an diesem Gebäude derzeit vorbeigeht, wird auf der großen Glasfläche vermeintlich auch das Wort „Warum“ lesen können. Wenn er – oder sie – genau liest, wird ihm oder ihr auffallen, dass die Buchstaben W und U in einem satten Orange gehalten sind. Die Buchstaben A R und M aber scheinen aus überdimensional großen Geldscheinen ausgeschnitten worden zu sein.

In dem unübersehbaren Wort, in der wichtigen Frage „Warum“ ist eine weitere Bedeutung enthalten. Es ist sehr wahrscheinlich, dass Siepmann und Hahnl, dass 1000& sich – und damit auch uns – folgende Frage stellen „Warum arm?“ Sie stellen diese Frage in einem Wort und das ist natürlich kein Zufall.

Die Arbeit „wARuM“ gehört sozusagen zur zweiten „Staffel“ von Arbeiten, die dem Projekt der One Word Sculptures zuzuordnen sind. Was den Titel des Projekts angeht, so ist er an die „One Minute Sculptures“, welche der international bedeutende österreichische Künstler Erwin Wurm seit dem Jahr 1997 entwickelt, angelehnt. Geht es Wurm unter anderem darum, die Grenzen zwischen Skulptur und Aktion zu verwischen und die Mitglieder des Publikums, die zu Akteuren werden, in seine Aktionen mit einzubeziehen, so versteht das Duo 1000& Wörter als zu untersuchende, respektive zu formende Objekte. Der Aspekt der Skulptur steht für die Künstler im Vordergrund.

Man wird an dem Begriff „One word sculptures“ auch nicht zweifeln. Die Bezeichnung „Sculpture“ oder „Skulptur“ leitet sich vom lateinischen Wort „sculptura“ ab, welches wieder zu dem Verb „sculpere“ gehört. „Sculpere“ bedeutet soviel wie „schnitzen“, „bilden“ oder „meißeln“. Siepmann und Hahnl nehmen nun nicht Blöcke von Carrara-Marmor als Material, sie bedienen sich des Wortschatzes der deutschen Sprache, um ihre „One word sculptures“ herauszumeißeln und sind damit gleichzeitig auch einem modernen Begriff von „Skulptur“, der sich nicht mehr in erster Linie durch die Materialität, durch die Schwere des Materials definiert, verbunden.

1000& geht es meiner Ansicht nach auch um Leichtigkeit. Das mag damit zusammenhängen, dass die beiden Künstler auf über 1000 Meter Seehöhe leben und arbeiten. Möglicherweise verschafft ihnen diese Position auch mehr „Sehhöhe“. Und die wollen die beiden mit ihren Arbeiten auch dem Publikum vermitteln.

Die richtige „Sehhöhe“ für die Frage „Warum arm“? Was aber ist die richtige „Sehhöhe“? Um diese zu erreichen, verwenden 1000& Elemente moderner Werbeästhetik. So große Buchstaben, die aus Geldscheinen ausgeschnitten zu sein scheinen, kennen wir sie nicht vom Vorbeigehen an Bankfilialen, aus deren Schaufenstern? 1000& stellt die Frage auch ganz bewusst nicht nur einem Galeriepublikum – möge es möglichst zahlreich sein, sondern allen, denn die Straße – zumindest ein Großteil davon – gehört der Allgemeinheit.

Die eigene Arbeit, und wohl auch die eigene Arbeitsweise, bezeichnen 1000& als „Kunst der Auseinandersetzung“. In ihren Werken beschäftigen sich die beiden mit gesellschaftsrelevanten Themen.

„Warum arm?“ Diese Frage ist selbstverständlich gesellschaftsrelevant. Sie ist sehr leicht und gleichzeitig sehr schwer zu beantworten. Und auch das sagen 1000& mit ihrem Kunstprojekt meiner Ansicht nach aus.

Diese Frage ist deswegen sehr leicht zu beantworten, weil das, was an gesellschaftlichen Werten geschaffen wird, einer sehr ungleichen Verteilung unterliegt, so dass es einerseits Reiche und andererseits Arme gibt, obwohl die Summe dessen, was gesellschaftlich geschaffen wird, dazu ausreichen sollte, um keine Armut entstehen zu lassen. „Es reicht. Für alle“ – so betitelte Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich und Mitinitiator der österreichischen Armutskonferenz, ein Impulsreferat, das er im Jahr 2010 verfasste.

Eine der zentralen Aussagen von Martin Schenk ist folgende: „Armut ist kein Naturereignis“. Womit wir wieder zurück bei 1000& sind. Siepmann und Hahnl sagen mit ihrer Kunstaktion nichts anderes aus. Warum ist es so, wenn es nicht so sein muss?

Eine weitere Arbeit aus dem Jahr 2006 passt genau zu diesem Thema. „Kain aber wurde ein Ackermann“. Die beiden Künstler stellen dieses Zitat aus der Bibel – es stammt aus dem Alten Testament, aus dem 1. Buch Moses (der Genesis – mit der ihnen eigenen Leichtigkeit neben das Porträt von Josef Ackermann. Ackermann, von 2003 bis 2012 Chef der Deutschen Bank, galt für viele als „Symbolfigur für den arroganten Banker“ (Zitat nach der Internetseite der Sendung „Tagesgespräch“ bei WDR 5 vom 31. Mai 2012). Im Jahr 2005 kündigte Ackermann einerseits ein neues Rekordergebnis bei der Deutschen Bank an und andererseits den Abbau von über 6.000 Arbeitsplätzen in dem Institut an.

Ackermann galt – mit einem Fixgehalt von 1.15 Millionen EURO und erfolgsabhängigen Vergütungskomponenten, die in manchen Jahren bei über 10 Millionen EURO lagen – auch als Symbolfigur für die Vergrößerung der Kluft zwischen arm und reich.

Und passt nicht eine weitere Arbeit zu dieser? Wenn Siepmann und Hahnl in dem Wort „EiGentOr“ das Wort „EGO“ – die lateinische Bezeichnung für das „Ich“ finden und einen Spiegel als Trägermaterial für diese Arbeit verwenden? Und gleichzeitig könnte auch jene Arbeit, in der 1000& das Wort GELD als Teil des Wortes „traumGEbiLDe“ aufspüren, inhaltlich damit verbunden sein. 1000& finden GELD aber auch in dem Wort „manGELzustanD“, womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären. Und zu diesem engeren Kreis von Arbeiten gehört wohl auch jene, die in dem Freudschen Wort „angstnEUROse“ die gemeinsame Währung in der Europäischen Union erkennen läßt.

Aber selbst das Wort „angstnEUROse“ erscheint in dem Projekt der beiden Künstler in einer, der modernen Werbeästhetik entlehnten, Schrift, die ein gewisses, wie man heute gerne sagt „Wellness“-Gefühl zu vermitteln scheint. Das war bei der ersten „Staffel“ der One Word Sculptures, die – auf Postkarten und auf Plakaten sowie in einem Video – im Rahmen der 35. Tage der deutschsprachigen Literatur, also beim Bachmann-Preis, in Klagenfurt zu sehen war, noch ganz anders. Die Skulpturen entwickelten ihre Dynamik aus dem Zusammenspiel von Schrift und Grundfarbe.

Wie stets bei ihren Arbeiten bietet uns das Künstlerduo 1000& jede Menge gedanklicher „Beschäftigungsmöglichkeiten“ und verwendet, wie Sie sehen werden, selbst dieses Wort für eine der Skulpturen intimerer Art. Sie laden uns zur „Kunstbetrachtung“ ein. Ich darf diese Einladung namens der Künstler an sie weitergeben und gleichzeitig darauf hinweisen, dass sich auch in diesem Wort wiederum ein anderes, nämlich „Betrug“ enthalten sein könnte.

13.9.12 08:44, kommentieren

Plav Songs von Thomas Podhostnik

Von den vielen „slowenischen Ecken“, die er in Klagenfurt gesehen habe, erzählte mir der Schriftsteller Thomas Podhostnik, nachdem er die Stadt im Jahr 2005 als Stipendiat des Literaturkurses besser kennen gelernt hatte. Podhostnik wurde in Radolfzell am Bodensee geboren und wuchs in Deutschland auf, als Sohn slowenischer Eltern. Die slowenischen Anteile der Landeshauptstadt Klagenfurt waren ihm gleich vertraut.

Das Thema der Migration, das Podhostnik aus eigener Erfahrung bestenskennt, spielt auch in seinem zweiten Roman „Die Hand erzählt vom Daumen“(Luftschacht Verlag, 2011) eine große Rolle. Der Autor wird sein Buch im Rahmen der Reihe KELAGerlesen am Donnerstag, dem 27. September (ab 19,30 Uhr), im Klagenfurter Musil Museum vorstellen.

Thomas Podhostnik fordere seinem Publikum „ein genaues und konzentriertes Lesen“ ab, heißt es in einer Rezension auf der website Muenchen.Bayern-online.de. In seinen stärksten Momenten, heißt es dort weiter, erinnere Podhostniks Buch an Peter Weiss´ Text „Der Schatten des Körpers des Kutschers“.

Dieser Feststellung ist keineswegs zu widersprechen. Der Autor hat mit seinem neuen Roman, ein sehr stringentes Werk, dem eine komplexe Struktur zugrunde liegt, vorgelegt. Die Pole, zwischen denen Plav, die Hauptfigur des Romans, hin und her pendelt, sind gewissermaßen Fremdheit und Vertrautheit, wobei das Gefühl der Fremdheit so groß ist, dass es kaum Platz lässt für Vertrautheit. Immer dann, wenn sie entstehen könnte, entzieht sich Plav, setzt sich auf sein Fahrrad und sucht das Weite oder spricht mit seinem Daumen. Schon das Verhältnis zur Mutter ist von Hassliebe geprägt, Vertrautheit aber fehlt. Diese Differenz ist sozusagen der „Grundton“, den der Autor anschlägt. Thomas Podhostnik hat diesen Grundton mit einer bestimmten Farbe „unterlegt“. Eigentlich taucht er das ganze Buch in diesen Farbton. Seine Hauptfigur, das Gastarbeiterkind, nennt er Plav. Plàve oči, das wäre eine slowenische Bezeichnung für blaue Augen, damit ist der Farbton genannt. Der Name Plav ist davon abgeleitet. Er bezieht sich auf eine umgangssprachliche Verkürzung, die unter anderem im Nordosten Sloweniens gebräuchlich ist. Der genaue, konzentrierte Leser und die Leserin werden feststellen, dass es in dem gesamten Buch, bis auf wenige Ausnahmen, fast durchgehend nur diese eine Farbe, das Blau, gibt, beginnend mit Plavs blauem Hosenbein. Das Kissen und der Teppich „mit den französischen Lilien“ im Haus, beides ist blau. Und den Schuhkarton mit einem Geschenk für seine Tochter verschnürt Plav mit blauer Seide. Thomas Podhostnik entwirft eine Art von literarischem „Yves-Klein-Blau“ und nutzt wie der französische Künstler Yves Klein (1928-1962), der für seine Bilder ein monochromes Ultramarinblau zu verwenden begann, die Sogwirkung der Farbe. Bei Podhostnik werden die Leser durch die Farbe in den Text „hineingezogen“. Hinzugefügt sei, dass das Buch vom Wiener Luftschacht Verlag auch typographisch exquisit gestaltet worden ist. Der Text ist in blauer Farbe gehalten, der Einband und der Schutzumschlag gleichermaßen. Ein in jeder Hinsicht sorgfältig gearbeitetes Buch, das von der intensiven Beschäftigung des Autors mit visuellen Medien zeugt.

Den Grundton in „Plavs“ Leben, sein Dazwischenstehen, kann man also mit „Feeling blue“ bezeichnen. Autor Podhostnik fasst das in starke Sprachbilder: „Nix verstehen!“ ruft Plav Stefan, dem Lebensgefährten seiner Mutter zu: „Ich Ausländer!“ Slowenischer Abstammung. „Blöd wie Brotscheibe in Abfallbehälter!“.

Dieses Dazwischenstehen der Hauptfigur Plav betrifft fast alle seine Lebensbereiche. Am stärksten ist das Zugehörigkeitsgefühl noch zur slowenischen Großfamilie. Zu den Arbeitern in der Spritzgussabteilung der Firma, in der er arbeitet, zählt Plav sich schon wieder nicht, obwohl er nach den Beobachtungen des Chefs „mit ihnen kann“. Plav sieht sich auch nicht als Künstler, obwohl er an Skulpturen, meist kleinen Marionetten aus Holz, arbeitet. „Ich mach was und so weiter, so nenne ich das“, sagt er zum Chef. Nicole, dessen Tochter, fühlt sich Plav wesentlich stärker verbunden, als er ihr. Mit ihr hat er eine Affäre. Mit einer Deutschen befreundet zu sein, das macht ihn selber noch lange nicht zu einem Nemec.

„Warum passt Du nicht dazu, hat Mama zu Haus im Bett liegend gefragt“. Plav ist einer, der die Widersprüche in seinem Leben erspürt, erkennt, aber nicht aufzulösen vermag. Wie sollte er auch? So schreit es  gewissermaßen aus ihm heraus: Jebem ti svet – „Fuck you, world!“. Denn: „Was einmal kaputt ist, wird nie wieder ganz“. Und dieses Gefühl, dass sich die Teile, in welche das ganze Leben zersprungen ist, nicht wiederzusammenfügen werden, durchzieht das ganze Buch.

Spürbar macht das genannte Gefühl auch die Band Koosc Gollito, die Thomas Podhostniks experimentelle Texte für das Buch „Die Hand erzählt vom Daumen“ noch während ihrer Entstehung in neun Songs umgesetzt und auf der CD „Plavsongs“ veröffentlicht hat. Präsentiert wurden die Songs unter anderem mit großem Erfolg bei einer Lesung und einem Konzert im „Roten Salon“ der Berliner „Volksbühne“. Erschienen ist die CD bei dem Leipziger Label (type:g)records. Leipzig, das ist auch Podhostniks neue Stadt, dort lebt und arbeitet er seit seinem Studium am Deutschen Literaturinstitut.

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 131/132, August/September 2012 ]

 

9 Kommentare 7.8.12 15:50, kommentieren

Das ORF-Gesetz ändern oder es wird geentert!

Die - mit Stand von Anfang Mai 2012 - zirka 129.000 Fans des vom ORF betriebenen, österreichischen Radiosenders  FM4 können in der Information über die FM4-Facebookseite seit kurzem folgendes lesen: "Betrieben wird diese Facebookseite von Fans des Radiosenders FM4, der laut Bescheid der Medienbehörde keine eigene Facebook-Präsenz betreiben darf."

Der ORF legt auf Anraten seiner Rechtsabteilung kontinuierlich die Social-Media-Plattformen lahm. Er folgt damit einer Feststellung der Medienbehörde KommAustria und des Bundeskommunikationssenats (BKS), die zu dem Schluss gekommen waren, dass die Facebook-Aktivitäten des ORF nicht mit dem ORF-Gesetz im Einklang sind.

Ich meine, dass der frühere ORF-Programmdirektor Wolfgang Lorenz, der einst vom "Scheiß-Internet" gesprochen hat, von den Mitgliedern des Bundeskommunikationssenats irgendwie falsch verstanden worden ist.

Es steht fest, dass diese Entscheidung auf der Basis des geltenden ORF-Gesetzes getroffen worden ist. Die Konsequenz daraus kann nur sein, dass das ORF-Gesetz schleunigst zu ändern ist, weil es in dieser Hinsicht der Kommunikationsrealität des 21. Jahrhunderts schlicht und einfach nicht entspricht.

Das geltende Gesetz "beschränkt die Öffentlich-Rechtlichen in einer crossmedialen Welt auf einen konventionellen Medienstrom", so Viktor
Mayer-Schönberger, Autor der vom ORF in Auftrag gegebene Studie über "Die Rolle öffentlich-rechtlicher Medien im Internet". "Das ist, als würde man diesen Medien in Zeiten des Farbfernsehens vorschreiben, nur in schwarz-weiß zu senden" (Futurezone.ORF.at)
.

Als österreichischer Staatsbürger schätze ich die Qualität und die Standards der Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Radios und Fernsehens in diesem Land außerordentlich. Dass es den MitarbeiterInnen des ORF untersagt sein soll, für den ORF soziale Medien zu nutzen, empfinde ich vor diesem Hintergrund in letzter Konsequenz als eine Einschränkung der Meinungsfreiheit, betreffend die Verbreitung einer Meinung in Wort, Schrift und Bild sowie allen weiteren verfügbaren Übertragungsmitteln.

Dass der ORF mit seinem Content nicht auf FACEBOOK vertreten sein soll, der Supermarkt, bei dem ich die Empfangsgeräte für die Programme des ORF kaufen kann, aber selbstverständlich Marketing auf FACEBOOK betreibt, ist höchst widersprüchlich und nicht nachvollziehbar.

Don´t be afraid, Bundeskommunikationssenat, it´s only FM4!

Und, liebe Medienexperten der etablierten Parteien: Das ist ein Thema, mit dem ihr euch zu beschäftigen habt: Das ORF-Gesetz gehört geändert oder es wird geentert werden, sprich: der politischen Piraterie anheimfallen!

4 Kommentare 6.5.12 07:26, kommentieren