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Geöffnete Türen

„Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben“. Dieses Zitat aus dem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ des Schriftstellers Robert Musil (1) ist einer der Ausgangspunkte für neue Arbeiten der Künstlerin Theres Cassini. „Ein fester Rahmen“ für die Präsentation des Lebens und des Werks jenes in Klagenfurt geborenen Autors, das könnte die Definition für eine der Aufgaben des Robert-Musil-Literatur-Museums, das von der Landeshauptstadt Klagenfurtgeführt wird, sein. Die Ausstellungsbesucher sind bereits durch gut geöffnete Türen gekommen. Theres Cassini hat mit ihrer künstlerischen Arbeit, durch ihre Annäherung an Musils „Mann ohne Eigenschaften“ die Türen zu einem schriftstellerischen Werk, welches gemeinhin als schwer zugänglich gilt, weit aufgestoßen.

In diesem Zusammenhang möchte ich gerne die junge Germanistin Natalie Lamprecht zitieren, die zu diesem Thema folgendes notierte: Eine kurze Zusammenfassung „zu Robert Musils die deutschsprachige Literatur nachhaltig prägendem Buch Der Mann ohne Eigenschaften zu verfassen, scheint ein vonvornherein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen zu sein (...). Selbst findige GermanistInnen (...) kapitulieren vor dieser schier unlösbaren Aufgabe – was unter anderem daran liegen mag, dass a) das Werk mehr als 2000 Seiten umfasst, b) es langatmig und teilweise schwer zugänglich ist und, daraus resultierend, c) es weniger Leute gelesen haben, als die vielen Lobhudeleien über Der Mann ohne Eigenschaften suggerieren. Ganz recht: Das Werk ist wohl eines der meistungelesenen Werke, seit es den gedruckten Text gibt, und fristet trotz seines guten Rufes in vielen Bücherregalen ein tristes Dasein als Staubfänger.“ (2) Theres Cassini gebührt das Verdienst, mit ihrer Arbeit Musils Roman, der als ein Klassiker der Weltliteratur gelten kann, und „Diskurse über Logik und Gefühle, Wirklichkeiten und Möglichkeiten, über Kausalität und Analogie, über Wissenschaftsgläubigkeit und Kulturpessimismus“ (Cassini) enthält, mit ihrer Art der Annäherung gleichsam seiner „Schwere entkleidet“ zu haben.

Cassini zeigt sozusagen „Musil im Schwebezustand“ (3). Sie übersetzt Inhalte des Romans und Eigenschaften von Romanfiguren in so genannte „kinetische Plastiken“. Ein integraler ästhetischer Bestandteil dieser Art von Skulpturen, die alle speziell für die Präsentation im Musil Museum konzipiert worden sind, ist die Bewegung. Theres Cassini schenkt uns Leichtigkeit. Von der Plastik, die sich auf das Zitat mit den geöffneten Türen bezieht, war bereits die Rede. Sie ist in der so genannten „Literaturlounge“ des Musil Museums zu sehen.

In einer weiteren Arbeit, die zentral im Bereich der Ausstellung über Ingeborg Bachmann hängt und die den Titel „Wirklichkeiten“ trägt, beschäftigt sich Cassini mit dem Wirklichkeitssinn und natürlich vor allem auch mit dem zentralen Begriff bei Robert Musil, mit dem Möglichkeitssinn. Das entsprechende Zitat aus dem Roman “Der Mann ohne Eigenschaften” lautet folgendermaßen: „Da seine Ideen, soweit sie nicht müßige Hirngespinste bedeuten, nichts als noch nicht geborene Wirklichkeiten sind, hat natürlich auch er Wirklichkeitssinn; aber es ist ein Sinn für die mögliche Wirklichkeit...“ (4)

Cassini zerlegt dieses Zitat in seine einzelnen Worte und schreibt sie in 29 schwebende Objekte (Siebe) ein. Die Künstlerin stellt dem Publikum damit auch gleichsam Möglichkeitssinn zur Verfügung, weil die einzelnen Worte aus dem Satz und damit aus dem Sinnzusammenhang gelöst sind und von den Besucherinnen und Besuchern selber weitergedacht werden können. Sie können, ausgehend von Musils Satz sowie von Cassinis Installation ihre eigenen Hirngespinste weben.

Die dritte kinetische Plastik ist Musils Formulierung von der „Parole der Tat“ gewidmet. „Was in der äußeren Handlung des Romans als `Parole zur Tat ́ ausgegeben wird und als `großes Ereignis ́ heranschleicht“, heißt es dazu in einer Rezension aus den dreißiger Jahren, das deute „im Sommer 1914, mit dem der zweite Band endet, auf die nahende Weltkatastrophe“, auf den Ersten Weltkrieg (5).

In einem zweiten Teil ihrer Ausstellung nähert sich Theres Cassini zwei der Hauptfiguren von Musils Opus Magnum an. Was Ulrich, die zentrale Gestalt des Romans betrifft, so greift Cassini auf eine Aussage, die der Autor Robert Musil in einem Interview mit dem Kritiker Oskar Maurus Fontana getätigt hat, zurück: „Der junge Mensch [ gemeint ist Ulrich ] kommt darauf, daß er zufällig ist, daß er seine Wesentlichkeit erschauen, aber nicht erreichen kann. Der Mensch ist nicht komplett und kann es nicht sein. Gallertartig nimmt er alle Formen an, ohne das Gefühl der Zufälligkeit seiner Existenz zu verlieren.“ Theres Cassini lässt ihren „Ulrich“, der als Skulptur von ihr nicht weniger vielgestaltig geformt worden ist, über den Köpfen der Besucher schweben.

Bei der Annäherung an Ulrichs Geliebte Bonadea arbeitet die Künstlerin mit ganz anderen Mitteln. Cassini stellt eine Figur, die aus verschiedenen Möglichkeiten von Bonadea-Bestandteilen zusammengesetzt ist, auf eine Schriftrolle, die in den Raum ragt. Die Rolle weist mehrere Zitate auf, die sich auf diese „gute Göttin, Göttin der Keuschheit, deren Tempel durch Verkettung des Schicksals zum Schauplatz von Ausschweifungen geworden war“ (6), beziehen.

Wenn Sie wie Robert Musils Hauptfigur Ulrich die Möglichkeit haben, sich sozusagen „Urlaub vom Leben“ zu nehmen, so würde ich Ihnen empfehlen, diesen Urlaub damit zuzubringen, sich einerseits mit dem Werk des Schriftstellers Robert Musil und andererseits mit jenem der bildenden Künstlerin Theres Cassini zu beschäftigen!

___________________

(1) Vgl. Robert MUSIL: Gesammelte Werke, Neun Bände, herausgegeben von Adolf Frisé, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1981 [ = Bd.1: Der Mann ohne Eigenschaften ], S. 16.

(2) Natalie LAMPRECHT: Mahler nach Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften im Test. In: BeyondPixels.at

Mahler nach Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften im Test

Die Website BeyondPixels.at widmet sich, laut der Definition ihrer Betreiber „schwerpunktmäßig den Themen Games, Movies/TV, Nippon Art und Mobile, blickt dabei aber auch gern über den Pixel-Tellerrand“.

(3) Iris WEDENIG: Musil im Schwebezustand. In: KLAGENFURT. Die Stadtzeitung mit amtlichen Nachrichten, Nr. 4 (12. März 2014), S. 36.

(4) Vgl. Robert MUSIL: Gesammelte Werke [ = Bd.1: Der Mann ohne Eigenschaften ], S. 17.

(5) Kurt SAUER: Der große essayistische Roman. Zu Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. In: Der Mittag (Düsseldorf, 8. März 1933).

(6) Vgl. Robert MUSIL: Gesammelte Werke [ = Bd.2: Der Mann ohne Eigenschaften ], S. 522.

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[ Veröffentlicht in: Theres CASSINI: Möglichkeiten oder nocht nicht geborene Wirklichkeiten. Der Versuch einer Annäherung an Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften". © THERES CASSINI, 2014 ].

Cassini.at


1 Kommentar 8.8.14 08:57, kommentieren

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Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause

Antrittslesung der BKS-Publikumspreisträgerin Nadine Kegele als Klagenfurter Stadtschreiberin

„Ich sag ja immer: Bei der Literatur hab ich Blut geleckt, in the old fashioned way of vampires“, notierte die österreichische Schriftstellerin Nadine Kegele am 14. Februar 2014 auf ihrem Account bei dem Kurznachrichtendienst TWITTER, einem der seit langem beliebtesten sozialen Netzwerke im Internet.

Tapp und Tastkino. Sie sei nicht die einzige Nadine Kegele, hält die Autorin, die aus Vorarlberg stammt und in Wien lebt, selbstironisch fest, aber jedenfalls „die einzige Nadine Kegele Twitterstar“, wenn es nach der Süddeutschen Zeitung gehe, „mit (damals) 250 Followern. Süß, nicht?“. Der entsprechende Bericht in der „Süddeutschen“, auf den Kegele anspielt, erschien am 8. Juli 2013 und beleuchtete die „Tage der deutschsprachigen Literatur“ (TDDL), an denen sich die Schriftstellerin im Vorjahr beteiligte, unter dem Gesichtspunkt des „Netzevents“. Und das ist die Veranstaltung auch seit vielen Jahren. Der Hashtag #tddl – sozusagen das Schlagwort, um Diskussionen bei TWITTER zu verfolgen oder sich an ihnen zu beteiligen – landete am ersten Lesetag in Klagenfurt auf Platz zwei der deutschen Twitter-Trends, direkt nach dem Hashtag #Snowden. Nadine Kegele habe, so die Journalistin Kathleen Hildebrand, den Kurznachrichtendienst dazu genutzt, um „aus der traditionellen Bachmann-Autoren-Rolle des Opferlamms“ herauszukommen. Am Tag ihrer Lesung zitierte die Autorin die folgende Zeile einer Motivationsrede für StudienabgängerInnen der Journalistin Mary Schmich, erschienen 1997 in der Tageszeitung "Chicago Tribune": „Remember the compliments you receive, forget the insults“. Und zirka einen Monat nach der Veranstaltung notierte sie: „Les ich wieder beim Bachmannpreis, trag ich Madonnas Gaultier-Corsage und Valie Exports Genitalpanikhose. Im Vorprogramm: Tapp- und Tastkino.“ Und: seitdem sie „die Bachmannbeschimpfungen bravourös“ hinter sich gelassen habe, „bin ich die Kegele für meine besten Freunde. Der Respekt, der mir gebührt.“

Komponierte Lieder. Nadine Kegele verwendet den Titel ihres Erzählungsbandes „Annalieder“, der im Jahr 2014 im Wiener Czernin Verlag erschienen ist, um ihre Kurznachrichten zu twittern: @Annalieder. Bei Kegele erfüllt TWITTER nicht nur die Funktion eines öffentlich einsehbaren Tagebuchs, wenn man das so nennen will, die Autorin offenbart in den Postings meiner Ansicht nach auch immer wieder Auszüge aus ihrem poetisches Konzept, das unter anderem ein feministisches Konzept ist. Kegele hängt dem Gedanken einer „literature engagée“ an. Müsste man Pole definieren, zwischen denen die literarischen Arbeiten von Nadine Kegele gleichsam „pendeln“, dann könnten das nach meinem Verständnis einerseits die Poesie und andererseits die Politik sein.
Für die Bachmanpreis-Jurorin Daniela Strigl stellte der von Nadine Kegele 2013 in Klagenfurt gelesene Text „Scherben schlucken“ den Versuch dar, dem Zwang des Opfer-Seins zu entkommen. Auch dieses Thema ist ein eminent politisches. Die Literaturkritikerin Strigl strich die fragmentarische, episodische Erzählweise, welche Kegele an den Tag lege, hervor. Diese sei dem Pathos des Themas angemessen. Die Autorin weiß auch ganz genau, wovon sie spricht, wenn sie – ebenfalls bei TWITTER – am 27. Februar 2014 folgendes notiert: „Es gibt Menschen, die so mit Überleben beschäftigt werden, dass sie nicht zur Sprache finden. Und die schlagen zu, wenn sie was sagen wollen.“ Das „Zur-Sprache-finden“ ist ein ganz wichtiges Thema in Kegeles Arbeiten. Der Autorin ist das mit vielen Mühen auf dem so genannten Zweiten Bildungsweg gelungen. Sie hat eine Lehre als Bürokauffrau absolviert und viele Jahre als Sekretärin gearbeitet. Auf ihrer Website NadineKegele.net hat sie diese Jahre in einem biographischen Abschnitt unter dem Titel "Unser tägliches Brot gib uns heute" festgehalten. Die Solidarität der Schriftstellerin, die sich unter anderem „als Sozialhilfekind“ bezeichnet, gilt dabei jenen, die, aus welchen Gründen auch immer, in der „Bildungsferne“ verbleiben.

Das Publikum der Tage der deutschsprachigen Literatur war durchaus geneigt, sich eher der Ansicht von Daniela Strigl als der anderer Juroren anzuschließen. Kegele wurde in Klagenfurt schließlich mit dem BKS-Bank-Publikumspreis ausgezeichnet. Der Publikumspreis ist sozusagen mit dem Klagenfurter Stadtschreiberstipendium „verlinkt“. Und das bedeutet, dass die Autorin die Arbeit an ihrem zweiten Roman, der auch der zweite Teil einer Triologie sein wird, in Klagenfurt fortsetzen wird können. Der erste Teil, und gleichzeitig ihr Romandebüt, erscheint im Herbst unter dem Titel „Bei Schlechtwetter bleiben Eidechsen zu Hause“ im Czernin Verlag und weist eine „Bachmannpreis-Text-Verwandtschaft“ (Nadine Kegele) auf.

Am 8. Mai 2014 wird Kegele bei ihrer Antrittslesung als Klagenfurter Stadtschreiberin im Klagenfurter Musil Haus, die ihm Rahmen der Reihe KELAGerlesen stattfindet, sowohl Auszüge aus dem neuen Text als auch aus ihrem Buch „Annalieder“ lesen.

Nadine Kegele hat sich auch schon mit den Verhältnissen in ihrer neuen, zeitweiligen, Wirkungsstätte auseinandergesetzt. Bei TWITTER, wie könnte es anders sein. Unter dem Hashtag #Hypo heißt es da am 11. Februar 2014: „Die Banken sagen nein. Ich werde ja gesagt.“

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 151/152, April/Mai 2014 ]

12.4.14 14:57, kommentieren

"I am just a poor boy"

Rückkehr des Literaturkurs-Stipendiaten A.M. Widmann ins Musil Museum

Der junge deutsche Schriftsteller Andreas Martin Widmann gehört zu jenen Autoren, von denen man sich viel erwarten darf. Das war bereits beim 12. Klagenfurter Literaturkurs, zu dessen Stipendiaten Widmann im Jahr 2008 gehörte, absehbar. Das Onlinelexikon WIKIPEDIA führt das Klagenfurter Stipendium demgemäß auch als erste Auszeichnung für Widmann. Inzwischen sind zu dieser Auszeichnung aber noch zahlreiche andere dazugekommen.

Zu den ganz wichtigen Preisen zählt für Andreas Martin Widmann sicher der Robert Gernhardt Preis. Vergeben wird dieser Preis, der nach dem 1937 in Reval geborenen und 2006 in Frankfurt am Main verstorbenen Autor, Zeichner und Maler Robert Gernhardt benannt und mit insgesamt 24.000 Euro dotiert ist, vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst. Der Gernhardt Preis soll die Realisierung eines größeren literarischen Vorhabens ermöglichen. Widmann hat ihn im Jahr 2010, gemeinsam mit Peter Kurzeck, erhalten, und zwar für sein damaliges Romanprojekt "Die Glücksparade". Die Jury hob vor allem die "genaue Beobachtungsgabe, den treffsicheren, schnörkellosen Ton und die erzählerische Konsequenz des Romanprojekts" hervor. Widmann hat das Projekt inzwischen erfolgreich beendet. Im Jahr 2012 ist der Roman "Die Glücksparade" im Rowohlt Verlag erschienen. Andreas Martin Widmann ist damit ein weiterer Autor auf einer in der Zwischenzeit langen Liste von Schriftstellern, die mit ihren literarischen Debüts wieder in das Klagenfurter Musil Museum zurückgekehrt sind.

Es ist ein Text, mit dem der Autor, nach der Meinung der Rezensentin Nicole Henneberg, an die amerikanische Erzähltradition anknüpfe. So formulierte das Henneberg in ihrer Kritik für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Widmanns junge Hauptfigur, der fünfzehnjährige Simon, erinnere durch seinen melancholischen und zugleich kühlen Blick auf die Welt an J.D. Salingers Romanheld Holden Caulfield in dem 1951 erschienenen Roman "Der Fänger im Roggen" (The Catcher in the Rye).

Als der Vater des Romanhelden - ein Mann mit vielen Plänen, die sich aber nur selten verwirklichen ließen - nach zahlreichen erfolglosen Versuchen
beruflich Fuß zu fassen einen Job als Platzwart auf einem heruntergekommenen Campingplatz annimmt, zieht Simon mit seinen Eltern aus der Mietwohnung in einen 29 Quadratmeter großen Wohncontainer um. Die neuen Nachbarn sind Dauercamper, die ihre Träume von einem besseren Leben ebenfalls nicht verwirklichen konnten und die nach und nach in eine gesellschaftliche Randlage geraten sind. "Bubi" Scholz wäre da zu nennen, ein gutherziger Alter, der sich seinen Namen von dem berühmten Boxer "geborgt" hat. Oder Lisa, die hübsche Tochter der Familie Heller, von der gesagt wird, dass sie auf einem Regionalsender eine eigene Fernsehshow bekommen werde. Die Sendung soll den Titel "Glücksparade" bekommen. Simon fühlt sich zu Lisa hingezogen, merkt aber bald, dass sie auch seinem Vater nicht gleichgültig ist. Simons Mutter tut so, als ob sie das nicht bemerke. Bald unterstellt der Sohn dem Vater eine Affäre mit Lisa. Tatsächlich gibt es eine Verbindung zwischen diesen beiden Figuren.

Es ist eine eher unspektakuläre "Coming of age"-Geschichte, die Andreas Martin Widmann in seinem Roman entfaltet. Doch genau darin liegt, laut
Cathérine Wenk, die das Buch für das Titel-Kulturmagazin (Titelmagazin.com) besprochen hat, die "große Stärke des Romans". Denn er zeige, "dass das Erwachsenwerden in unserer heutigen Zeit keinen Stoff mehr birgt für große, aufregende Geschichten". Der Autor widme sich letztlich der Frage, wie man in einer Zeit, in der die großen Ideen fehlten, erwachsen werden könne.
Widmann hat seinem Roman ein Zitat aus Paul Simons Song "The Boxer" vorangestellt. Simon veröffentlichte diesen Song gemeinsam mit seinem
Partner Art Garfunkel im Jahr 1969. Man darf dieses Zitat wohl auch als Reminiszenz an politisch bewegte Zeiten, die von großen Ideen bestimmt
waren, verstehen.

Längst hat der Literaturwissenschaftler, der Andreas Martin Widmann auch ist, sein Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Anglistik
abgeschlossen und eine Dissertation, in der er sich mit der  Geschichtsdarstellung in Romanen von Günter Grass, Thomas Pynchon, Thomas  Brussig, Michael Kleeberg, Philip Roth und Christoph Ransmayr auseinandersetzt, veröffentlicht. Seit 2012 lebt und arbeitet Widmann in  London, wo er als Lektor am University College London (UCL) deutsche Sprache  und Literatur unterrichtet. Auf der Website des UCL finden sich auch nähere Informationen über den "Staff". Wichtigste Information über Widmann dortselbst ist meiner Ansicht nach folgende: "He is currently working on his  second novel."

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 147/148 Dezember 2013/Jänner 2014 ]

29.1.14 09:48, kommentieren

T ie R

Nach zehn Jahren Beschäftigung mit dem Thema Tier zieht Tita Ruben in der Klagenfurter Galerie 3 ab Mitte November 2013 mit ihrer Ausstellung „Tier 2003 – 2013“ eine Art Zwischenbilanz.

Das Wort Tier könnte man graphisch auch so darstellen: T ie R. Die Initialen der Künstlerin würden gleichsam hervorstechen. Man könnte dieses Wort dann auch folgendermaßen lesen: T, id est R. Tier, das ist Tita Ruben. Auf diese Möglichkeit weist auch eine der neuen Zeichnungen, die den Titel „Le chat, c´est moi“ trägt, hin. Das ist natürlich eine Anspielung auf  „L´ Ėtat, c´est moi – Der Staat bin ich“, den Leitsatz des höfischen Absolutismus, der dem französischen König Ludwig XIV. (1638-1715) zugeschrieben wird. „Le chat, c´est moi“ heißt nichts anderes als „Die Katze bin ich“. Ruben ist also, immer noch, auf der Suche, nach dem Tier in ihr, aber selbstverständlich auch in mir oder in Dir. „Das Tier in mir“ – der Gedanke ist eigentlich naheliegend, aber trotzdem schiebe ich ihn, im Gegensatz  zur Künstlerin Tita Ruben, von mir fort. Weil dieser Gedanke weitere, nicht immer angenehme, Gedanken nach sich ziehen kann.

Was die Sexualität betrifft, sind die Menschen den Tieren beispielsweise sehr nahe. Im Biologie-Unterricht könnte man Gemeinsamkeiten im Sexualverhalten von Mensch und Tier betrachten und dabei erkennen, dass bei beiden Ausformungen von Lebewesen Phänomene wie „Balz“ und Paarbildung feststellbar sind. Gleiches gilt für die Tatsache der Kopulation, die, zoologisch gesehen, als „Vereinigung zweier Individuen unterschiedlichen Geschlechts zum Zwecke sexueller Fortpflanzung“ definiert werden könnte. Dabei nehmen Menschen unter anderem Stellungen, die eigentlich den Tieren zugeschrieben werden, ein (u.a. Doggystyle). Das Naheverhältnis von Mensch und Tier in dem beschriebenen Punkt, sehe ich beispielsweise in einem Bild von Tita Ruben, in dem sie eine volle Oberlippe auf eine Schneckenunterlippe treffen lässt, ausgedrückt. Mit dem Kuss, ebenfalls Bestandteil sexueller Betätigung, bewegen wir uns von dieser nun fort in die kulturelle Sphäre. In vielen Kulturen wird der Kuss als Ausdruck von Liebe, Freundschaft und Ehrerbietung gesehen. Aber der Gedanke, eine Schnecke zu küssen – man könnte meinen, Tita Rubens Arbeit legte das nahe – wird bei sehr vielen Menschen, wie ich vermute eine „Gänsehaut“ auslösen, durch Muskelkontraktionen kommt es zu zahlreichen kleine Erhebungen auf der Hautoberfläche und die „Wollhaare“ des Menschen stellen sich auf. Die menschliche Haut ähnelt dann dem Anblick einer gerupften Gans. Das Tier in mir – und in Dir – es ist da, auch wenn ich es eigentlich nicht so nahe bei mir haben möchte.

„Wie ungnädig dicht“ auch „Leben und Tötung aneinandergeschweißt“ sind, beschrieb die Künstlerin Tita Ruben in einem ihrer eigenen Texte, der im Jahr 2003 anlässlich ihres Ausstellungsprojekts „Tier_Versuche“ entstand. Für diese Präsentation hatte Ruben die Räumlichkeiten einer früheren Klagenfurter Fleischhauerei angemietet. Erwerben konnte man damals Tierdarstellungen (Kohle auf MDF-Platten im Format 18x24 cm), in Schalen, vakuumiert. Das Projekt fand damals ebenfalls in der Adventzeit statt und so schließt sich nun mit der Ausstellung in der Galerie 3, in der auch ein Beispiel dieser Tierdarstellungen enthalten sein wird, gewissermaßen ein Kreis. Gleichzeitig bleibt für die Künstlerin meiner Ansicht nach „eine immerwährende Versuchung aus dem Kreis auszubrechen“, wie es in ihrem Text weiter heißt, bestehen. Soweit einige Mutmaßungen zu ihren Arbeiten.

Eine weitere: Man kann, was Rubens Arbeiten angeht, nach wie vor von Tier_Versuchen sprechen, weil die Künstlerin Möglichkeiten erprobt, fernab vom Festgefügten und dem Dogma eine „Dog ma“ entgegensetzen mag.

15.11.13 11:48, kommentieren

Bachmann-Preis in vieler Hinsicht

Vielleicht wurde der beste Text ja einen Tag zu früh vorgelesen: bei der Vorstellung der Stipendiaten des diesjährigen Klagenfurter Literaturkurses“, notierte der damalige Stadtschreiber der Landeshauptstadt, Karsten Krampitz, im Jahr 2010 in seiner Kolumne vom 25. Juni für die „Berliner Zeitung“. Das Publikum im Klagenfurter Musil Museum sei sich darüber einig gewesen, dass die junge, in Berlin lebende, Schriftstellerin Stephanie Gleißner „mit ihrer zornigen Poesie (...) auf keinen Fall ins Vorprogramm“ gehöre.

Karsten Krampitz. Publikumspreisträger des Bachmannwettbewerbes, zitierte auch gleich einen Satz aus Gleißners Literaturkurs-Text: "Meine Hände, die ich, seit ich zehn war, immer zu Fäusten geballt mit mir herumtrug, um meine bis aufs Fleisch abgekauten Fingernägel zu verbergen, hingen schlaff neben dem Jerseystoff meines Joggers, während einen Meter weiter oben die Fresse poliert wurde." Für ihren Romanauszug habe sich im Jahr 2010 kein Juror beim Bachmann-Preis gefunden, notierte Krampitz. Der Autorin selber wäre es nach eigener Aussage allerdings damals geradezu „vermessen“ vorgekommen, sich zu diesem Zeitpunkt für den Bachmann-Preis zu bewerben. Dafür sei aber schon festgestanden, so Krampitz weiter, dass Stephanie Gleißner mit ihrem Text bei dem in Berlin beheimateten Aufbau-Verlag ihr Romandebüt feiern solle.

Klagenfurter Literaturkurs

Der Verlagskontakt war nach Gleißners erfolgreichem Auftritt beim Open Mike-Wettbewerb der Literaturwerkstatt Berlin zustande gekommen. Und nach Gleißners Teilnahme am Klagenfurter Literaturkurs, der für sie die „erste richtige Begegnung mit dem Literaturbetrieb und seinen Netzwerkgepflogenheiten“ gewesen sei, war es im Jahr 2012 schließlich soweit. Die Autorin feierte ihr Debüt mit dem Roman der inzwischen den Titel „Einen solchen Himmel im Kopf“ trug. Karsten Krampitz durfte sich nach Vorliegen der ersten Rezensionen in seiner Einschätzung, die im Übrigen schon von vielen Beobachtern des Klagenfurter Literaturkurses geteilt wurde, bestätigt fühlen. Von „Anti-Heimatlieratur“ war die Rede. Und in der Literaturbeilage der Wochenzeitung Die ZEIT wurde Stephanie Gleißner zu einer neuen Generation von Autoren, welche die literarische Landschaft in Deutschland in Zukunft verändern könnten, gezählt. Und Christoph Schröder notierte in der Frankfurter Rundschau über Gleißners Buch, dass man darin „gute, kraftvolle Sätze“ finde, und zwar sehr viele davon. Aus dem Buch spreche „Ein Furor, der aus Verzweiflung geboren ist“, so Schröder weiter. Der erwähnte  „Furor“, den Gleißner in ihrem Erzählduktus an den Tag legt, entsteht aus einer genauen Kenntnis der Verhältnisse ihrer Lebensumwelt, beispielsweise, wie sich der Föhn auf der Leben der Menschen im Dorf auswirkt: „Der Föhn ist eine anarchische Kraft. Er sorgt für Ereignisse. Die Hinterlandbewohner mögen den Föhn nicht, denn sie mögen keine Ereignisse. Sie mögen ein Leben in der Schneekugel: eine überschaubare Anzahl von Zuständen, die einander abwechseln“, heißt es in dem Roman. Und weiter:  „Wir waren auf das Hinterland eingeschworen“, sagt Annemut als Erzählerin über die beiden Mädchen Annemut und Johnanna, die in der Schulzeit zu Verbündeten werden. Sich später aber aus den Augen verloren.

Eine Heilige im Hinterland

Stephanie Gleißner, die 1983 in Garmisch-Partenkirchen geboren wurde und in Mittenwald aufgewachsen ist, stellt in ihrem Romandebüt die Geschichte der jungen Annemut in den Mittelpunkt. Die junge Frau hat nicht nur einen „sprechenden“ Vornamen, sondern zuerst die Zuversicht und dann auch den Mut, das „Hinterland“, in dem sie aufgewachsen ist, hinter sich zu lassen bevor sie, zuerst in ihrer Imagination und dann real wieder dorthin zurückkehrt. „Hinterland“, das ist gleichzeitig ein Heft, das von der Freundin Johanna – wie Annemut eine Außenseiterin im Dorf –  geführt wird. Johanna führt auch ein weiteres Heft, in dem sie sich mit dem Leben der Heiligen beschäftigt.

Stephanie Gleißner gab in einem Gespräch mit der Stuttgarter Zeitung darüber Auskunft, dass sie sich zu Beginn ihrer Arbeit an dem Roman mit dem Thema der Heiligenverehrung beschäftigte. Sie habe das „religiöse Narrative“, welches mit dieser Verehrung verbunden ist, sehr interessant gefunden, „die Art wie religiöse Denk-, Handlungs- und Erzählstrukturen unsere Lebensführung bestimmen bzw. wie wir uns selbst unser Leben erzählen und interpretieren“. In diesen Erzählungen komme beispielsweise jene „paradoxe Figur“ vor, „dass das Opfer eigentlich der Stärkere ist (ich sage nur: andere Backe hinhalten)“. Dass „in der Affirmation des Opferstatus auch ein Zugang zu Macht liegt, bestimmt ja die Entscheidung und Lebensführung vor allem von vielen Frauen bis heute“ (Stephanie Gleißner).

Interview

Sie selber sei als Kind „kaum mit Büchern in Berührung gekommen“, so Stephanie Gleißner in einem Interview mit der deutschsprachigen Ausgabe der, von Andy Warhol gegründeten, Zeitschrift „Interview“. Es seien „eher Begegnungen mit Menschen und Ereignisse“ gewesen, die ihre Leben verändert hätten als Bücher“ sagte die Autorin weiter, „aber dadurch, dass man als Leser und Schreiberin und allgemein im Umgang mit Kunst sich sowieso ständig im Raum der Möglichkeiten bewegt, ist es zu tatsächlichen Veränderungen eigentlich nur ein kleiner, wenn auch nicht oft genug gemachter Schritt.“ Ihren zweimonatigen Aufenthalt im  Künstlerdorf in Schöppingen im Frühjahr dieses Jahres nütze die Autorin für die Arbeit an ihrem bereits zweiten Roman.

Im Rahmen von KELAGerlesen am 17. Oktober im Musil Museum wird die Deutsche aber noch aus ihrem viel gerühmten Erstlingswerk vortragen.

[ Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 145/146, Oktober/November 2013 ]

 

7.11.13 17:36, kommentieren

Literatukursfidibus

Seit dem Jahr 1972 gibt das Kärntner Bildungswerk, eine Einrichtung der Erwachsenenbildung, die Zeitschrift FIDIBUS heraus. Der "Fidibus" ist als Kienspan, laut dem Bildungswerk, gewissermaßen "der kleine Bruder der Fackel". Redakteurin dieser "Zeitschrift für neue Literatur Kärnten Koroška" ist seit 2012 Erika Hornbogner, die frühere Leiterin der Landhausbuchhandlung in Klagenfurt. Die Tatsache, dass der FIDIBUS eine Zeitschrift für Kärnten Koroška ist, weist meiner Ansicht nach darauf hin, dass in diesem Land, nicht nur in Sachen Zweisprachigkeit, etwas in Bewegung gekommen ist.

Mit der aktuellen Ausgabe des FIDIBUS, der Nummer 3/2013, wird die Zeitschrift ihrem selbst gewählten Programm einmal mehr gerecht. Denn alle neun Stipendiatinnen und Stipendiaten des 17. Klagenfurter Literaturkurses sind der Einladung von Erika Hornbogner, Texte für diese Ausgabe des FIDBUS zur Verfügung zu stellen, gefolgt. Rasmus Althaus, Alina Herbing, Jan Himmelfarb, Margarita Iov, Artur Krutsch, Bastian Schneider, Katharina Stegen, Kolja Unger, und Elisa Marie
Wächtershäuser, sie alle haben während des 17. Klagenfurter Literaturkurses, der im Vorfeld der 37. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt stattgefunden hat, wesentliche Impulse für das eigene Schreiben erhalten. Verantwortlich dafür sind die drei Tutorinnen Elfriede
Czurda (Wien), Friederike Kretzen (Basel) und Antje Rávic Strubel (Potsdam), allesamt renommierte Autorinnen, die den neun Stipendiaten als Gesprächpartner zur Verfügung gestanden sind. Die Herangehensweisen der drei Tutorinnen an die Texte war dabei sehr unterschiedlich. Das ist auch eine der Besonderheiten des Klagenfurter Literaturkurses, dass die Stipendiaten die Chance haben, die von ihnen eingereichten Texte an drei Tagen mit drei ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten zu diskutieren. Das heißt: während des Literaturkurses wird in Klagenfurt ganz intensiv an Texten gearbeitet, im Unterschied zum Bachmann-Preis findet die Diskussion über die Texte aber ohne die Öffentlichkeit statt. Wie beim Bachmannpreis sind die Veranstalter die Kulturabteilung der Landeshauptstadt Klagenfurt und das ORF-Landesstudio Kärnten. Organisiert wird der Klagenfurter Literaturkurs vom Robert-Musil-Literatur-Museum als städtischer Einrichtung.

Die Stipendiaten präsentieren der Öffentlichkeit aber ihre Texte bei einer Lesung im Musil Museum, die am "Anreisetag" des Bachmann-Preises stattfindet, so dass ein großes Publikum angesprochen wird, bestend aus interessierten Verlagslektoren und Literaturagenten, Wissenschafter und Studenten, aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.

Während des Literaturkurses gibt es zumeist einen sehr intensiven Austausch unter den Stipendiatinnen und Stipendiaten. Es entsteht in der Regel eine große Dynamik in der Gruppe. Die Stipendiaten des 17. Klagenfurter Literaturkurses stellten sich vor der Lesung im Musil Museum gegenseitig eine Aufgabe. Sie bestand darin, an passender Stelle ein Eichhörnchen in ihrem Text vorkommen zu lassen, sozusagen möglichst elegant "einzuschleusen". Bastian Schneider, so der Tenor unter den Stipendiaten, habe die Aufgabe am besten gelöst, ihm wurde deshalb der "
Klagenfurter Häschen-Literaturpreis 2013" verliehen.

Die Nummer 3 der Literaturzeitschrift FIDIBUS trägt deshalb konsequenterweise auch den Titel "17. Klagenfurter Literaturkurs. Von Eichhörnchen und anderen Tieren". "Häschen" werden die Stipendiaten deshalb genannt, weil die Literaturkritikerin Verena Auffermann zu Beginn des Unternehmens der Meinung war, der Klagenfurter Literaturkurs erinnere sie an ein Bilderbuch mit dem Titel "Die Häschenschule".

Präsentiert wurde der "Literaturkursfidibus" zum ersten Mal Anfang September 2013 in Leipzig. Die Stipendiaten hatten nämlich noch in Klagenfurt eine weitere Lesung, bei der alle Beteiligten wieder zu Wort kommen sollten, vereinbart. Artur Krutsch übernahm die Koordination und Mathias Zeiske, der Redakteur, der in Leipzig erscheinenden Literaturzeitschrift
EDIT zeigte sich wie in den vergangenen Jahren daran interessiert, die Organisation der "Klagenfurt Nachlese" vor Ort zu übernehmen. Die Klagenfurt Nachlese fand am 7. September 2013 in dem von der EDIT als Veranstaltungort genutzen Volte Studio in der  Halle 14/C der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig statt.

Artur Krutsch, der in Dortmund Fotografie studiert hatte, bevor er sein Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig (DLL) begann, stellte darüber hinaus, Fotos für den "Literaturkursfidibus" zur Verfügung. Eine Auflistung der Stipendiatinnen und Stipendiaten sowie der Tutorinnen und Tutoren der Jahre 1997 bis 2013 rundet die Ausgabe ab.



11.9.13 15:45, kommentieren

Bis Klagenfurt anruft

Unter dem Titel »Bis Klagenfurt anruft« berichtete die österreichische Schriftstellerin Cornelia Travnicek seit dem Jahr 2006 auf der website Literaturcafe.de aus dem Leben einer Jungautorin. Und schließlich trat ein, was in einer gewissen Hinsicht voraussehbar war: »Klagenfurt« rief tatsächlich an, besser gesagt, Michaela Monschein, die Bachmannpreis-Organisatorin, und Cornelia Travnicek gehörte zu den 14 Autorinnen und Autoren, die eingeladen waren, bei den 36. Tagen der deutschsprachigen Literatur 2012 zu lesen.

Chucks. Zu schreiben begonnen habe sie mit zwölf oder dreizehn Jahren „kurz nach der Entdeckung von ernsthafter Literatur“, notiert Travnicek, die 1987 in St. Pölten geboren wurde, in der ersten Folge ihrer Internet-Kolumne. Mit ernsthafter Literatur meint sie dabei Autoren wie Hermann Hesse oder Paul Celan. „Nicht lange, aber auch nicht kurze Zeit später“ habe sie erste Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften aufzuweisen gehabt und sei auch schon zu Lesungen eingeladen worden. Weiters berichtet die Autorin in ihrer ersten Kolumne davon, dass sie  sich „auch in den Sumpf der Internetforen geworfen“, den „Kampf mit den Verlagen“ aufgenommen habe und einer ersten Einzelveröffentlichung entgegensehe. Cornelia Travnicek versteht sich also als Mitglied einer neuen Generation von Autorinnen und Autoren, welche die sogenannten neuen sozialen Medien aktiv zur Kommunikation mit ihrer Leserschaft nutzt. Als Travnicek für 2006/2007 das Hans Weigel-Literaturstipendium des Landes Niederösterreich zuerkannt worden war, hatte sie das Gefühl in der Literaturszene „angekommen“ zu sein. 2006 belegte sie darüber hinaus beim „Wortlaut“-Literaturwettbewerb des Radiosenders FM4 den zweiten Platz. Aber nicht nur das Ankommen, sondern auch das Bleiben ist ihr wichtig. Denn sie „will lieber Fixstern als Komet sein“, erfährt man auf ihrer Autorenhomepage CorneliaTravnicek.com.

Converse. Wie sie dem Ziel, ein Fixstern der deutschsprachigen Literatur entscheidend näher gekommen ist, kann man, ebenfalls auf Literaturcafe.de, in einer zweiten Reihe, die den Titel »Bis Klagenfurt anruft. Reloaded« trägt, nachlesen. Eine Agentin der Literarischen Agentur Simon in Berlin, die sich im Jahr 2009 bei Cornelia Travnicek meldet und gerne mit ihr über ein Manuskript sprechen würde, spielt dabei eine wesentliche Rolle. Drei Jahre, viel Arbeit und einen Verlagswechsel später erscheint Cornelia Travniceks Romanmanuskript unter dem Titel „Chucks“  bei der Deutschen Verlagsanstalt (DVA), einem renommierten deutschen Verlag.

Basketballschuhe. In „Chucks“ erzählt die Autorin die Geschichte der Punkerin Mae. Nach dem Krebstod ihres Bruders ist Maes Familie zerbrochen. Sie hat sich die roten Chucks ihres Bruders angezogen und bei den Punks eine Art Ersatzfamilie gefunden. Mae lebt in den Straßen von Wien, von Dosenbier und von den Gesprächen mit ihrer Freundin über Metaphysik und noch viel kompliziertere Dinge. Als Mae im Haus der Aidshilfe als Ersatzstrafe für ein Delikt der Körperverletzung gemeinnützige Arbeit leisten muss, lernt sie Paul kennen und verliebt sich in ihn. Als bei Paul die Krankheit ausbricht, sammelt Mae seine Haare und Fußnägel wie Devotionalien, weil sie gegen sein Verschwinden ankämpfen möchte.

Chuck Taylor All Stars. Wenn er mit einer Figur der zeitgenössischen Literatur in einem Lift stecken bleiben möchte, dann mit Mae, notierte der Schriftsteller Clemens Setz, der 2011 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde. „Ob ich heil aus dem Lift kommen würde, weiß ich nicht, aber das wär´s wert.“

Cornelia Travnicek ist in der Zwischenzeit mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden. „Klagenfurt“ rief nicht nur an, die Autorin wurde genau dort im Jahr 2012 mit dem BKS-Publikumspreis ausgezeichnet. Damit verbunden ist das Stadtschreiber-Stipendium der Landeshauptstadt Klagenfurt. Als Nachfolgerin von Karsten Krampitz und Peter Wawerzinek gehört Travnicek gewissermaßen auch der neuen Generation von Stadtschreibern an. Nach einer fast fünfzehnjährigen Pause wurde das Stadtschreiber-Stipendium auf Initiative von Mag. Manuela Tertschnig, der Klagenfurter Kulturabteilungsleiterin und Organisatorin des Kulturraums Klagenfurt, im Jahr 2010 von der Landeshauptstadt fortgeführt. Anfang Mai wird Travnicek das Schriftstelleratelier im Klagenfurter Europahaus beziehen. Am Mittwoch, dem 8. Mai 2013 (mit Beginn um 19,30 Uhr) liest die neue Stadtschreiberin im Musil Haus im Rahmen der Reihe KELAGerlesen aus ihrem Roman „Chucks“.

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Veröffentlicht in: Die Brücke - kaernten.kunst.kultur, Nr. 139/140, April/Mai 2013 ]

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